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Stefan Tretter

LWF

Bayerische Landesanstalt
für Wald und Forstwirtschaft

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Autor(en): Redaktion waldwissen.net – LWF
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Wildlinge oder Baumschulpflanzen?

Buchen-Voranbauten lassen sich mit Pflanzen aus dem eigenen Wald kostengünstiger anlegen als mit Baumschulpflanzen. Die Wildlinge haben aber noch weitere Pluspunkte. Dennoch haben sie auch Nachteile und sind nicht überall einsetzbar.

Buchenwildlinge
Abb. 1: Die Buchenwildlinge haben sich unter dem Fichtenaltholzschirm besonders schön entwickelt (Foto: A. Wörle).

Baumschulpflanzen oder Wildlinge? Um diese Frage zu beantworten hat die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) im Jahr 2002 zwei jeweils etwa 600 Quadratmeter große, direkt benachbarte waldbauliche Beobachtungsflächen angelegt. Auf zwölf Parzellen wurden insgesamt 780 Buchen mit der Rhodener Pflanzhaue im Verband 2 m x 0,8 m ausgebracht.

Innerhalb der nächsten zehn Jahre sollte erforscht werden, ob sich Baumschulpflanzen oder Wildlinge besser für den Voranbau eignen. Vorgaben für den Versuch waren homogene Bedingungen im Altbestand und eine vergleichbare Sprosslänge der Pflanzen. Während die Baumschulpflanzen (Sortiment 2 + 0) den angestrebten Größenrahmen von 30 – 50 Zentimeter im Wesentlichen einhielten, gab es bei den Wildlingen sowohl nach unten wie nach oben nennenswerte Abweichungen. Die Wildlinge wurden anscheinend nur wenig nach Größe sortiert. Da dies zu Erschwernissen bei den Pflanzarbeiten führt, sollte es unbedingt vermieden werden.

Der Versuch im Überblick  
Ziel Ermittlung des Kulturerfolges von Wildlingen im Vergleich zu Baumschulpflanzen bei Buche
Bestandsform Fichten-Altbestand (80-jährig) mit einzelnen Buchen; ohne Vorausverjüngung
Bestockungsgrad 0,9
Schlussgrad geschlossen
Höhe ü. NN 480 m
Geländeform sehr schwach ausgeprägter Geländerücken
Geologie obere Süßwassermolasse, ungegliedert
Klimatönung gemäßigt subkontinental
Temperatur (Jahr) 7 – 8 °C
Niederschlag (Jahr) 750 – 800 mm
Bodentyp/ Humusform Parabraunerde mit Merkmalen des Stauwassereinflusses im B-Horizont/ Moder
Standortseinheit mäßig frische kiesig-lehmige Sande (102) und frische sandige Lehme (204)
Wildschutz Zaun

Ausfallprozent

Die Witterungsbedingungen waren während der Pflanzarbeiten im März 2002 günstig, die Pflanzen konnten gut anwachsen. Doch bereits im Herbst 2003 – nach dem trockenen "Jahrhundertsommer" – wurden Unterschiede beim Anwuchserfolg sichtbar. Während zu diesem Zeitpunkt bei den Wildlingen knapp fünf Prozent der Pflanzen ausfielen, waren es bei den Baumschulpflanzen etwa achtzehn Prozent. Bei der Aufnahme im Frühjahr 2012 betrug der Anteil der abgestorbenen Baumschulpflanzen mit 23 Prozent fast das Doppelte wie bei den Wildlingen (Tab. 1).

Tab. 1: Ertragskundliche Kennzahlen für Altbestand und Buchen-Voranbau – getrennt nach Verfahren
Baumschulpflanzen

Mittel (Min – Max)1

Wildlinge

Mittel (Min – Max)1

Altbestand 2012
N/ha 713 (500 – 905) 664 (439 – 781)
G [m2/ha]2 88 (75 – 110) 80 (56 – 98)
Buchen-Voranbau: Ausfallprozent
2003 H 17,9 4,8
2012 F 23,1 (15,4 – 32,3) 12,3 (4,6 – 18,5)
Buchen-Voranbau: Sprosslänge [cm] (ohne Randbäume)
2002 F 43 46
2003 H 49 55
2004 H 69 82
2006 F3 95 (75 – 112) 110 (89 – 139)
2007 F3 125 (98 – 144) 145 (120 – 171)
2014 H3 291 (274 – 323) 317 (285 – 346)
2012 F 311 (298 – 342) 352 (319 – 376)
1 bezieht sich auf Parzellen, flächengewichtet        2 Grundfläche/ha: reine Produktionsfläche (ohne Erschließung)
3 Stichprobe (ca. 20 % des Gesamtkollektivs)         F = Frühjahr, H = Herbst

Zwischen den Parzellen variiert das Ausfallprozent zum Teil stark. Gründe hierfür sind

  • die kleinstandörtlich unterschiedliche Situation des Altbestandes (Konkurrenz um Licht, Wasser, Nährstoffe),
  • personenabhängige Faktoren bei der Pflanzung (schwankende Motivation) und
  • die unvermeidbare unterschiedliche Beschaffenheit der Pflanzen zum Pflanzzeitpunkt (Höhe, Qualität).

Wachstum und Qualität

In der Wuchsleistung bauen die Wildlinge gegenüber den Baumschulpflanzen ihren Vorsprung kontinuierlich aus. 2012 beträgt die Differenz der durchschnittlichen Sprosslänge über 40 Zentimeter (Tab. 1, Abb. 2). Auch der durchschnittliche Wurzelhalsdurchmesser sowie der durchschnittliche Brusthöhendurchmesser liegen jeweils etwa drei Millimeter höher als bei den Baumschulpflanzen (Tab. 2, Abb. 2).

Sprosslänge, Wurzelhalsdurchmesser, Brusthöhendurchmesser
Abb. 2: Sprosslänge, Wurzelhalsdurchmesser und Brusthöhendurchmesser (jeweils Durchschnitt und Streubreite) im Frühjahr 2013 - getrennt nach Verfahren

Die höhere Wuchsleistung wird etwas durch die Tatsache kompensiert, dass die Wildlinge zu Versuchsbeginn im Schnitt bereits drei Zentimeter höher waren. Das Höhenwachstum unterscheidet sich, wie das Ausfallprozent auch, zwischen den Parzellen. Ausschlaggebend sind auch hierfür die oben genannten Gründe.

Anteil der Sprosslänge
Abb. 3: Anteil der Sprosslänge von Baumschulpflanzen und Wildlingen im Frühjahr 2012 - eingeteilt in Sprosslängenklassen

Unterteilt man die Sprosslängen 2012 nach Sprosslängenklassen (Abb. 3), wird ersichtlich, dass bereits über 30 Prozent der Wildlinge höher als vier Meter sind. Bei den Baumschulpflanzen beträgt dieser Anteil lediglich zwölf Prozent. Bei den Wildlingen besitzen nur noch drei Prozent eine Höhe von unter zwei Metern, bei den Baumschulpflanzen sind es immer noch zehn Prozent.

Die Qualitätsansprache spielte bei den Aufnahmen nur eine untergeordnete Rolle. Zum einen können sich bei diesem Alter die Fehlern in den Stammformen wieder leicht verwachsen, zum anderen ist die Erhebung objektiver Kriterien sehr zeit- und kostenaufwendig. Daher beschränkten sich die Aufnahmen auf folgende einfach erfassbaren Kriterien:

  • Krummschäftigkeit (gerade, einschnürig, unschnürig)
  • Anzahl der Äste (ab 1 mm Durchmesser)
  • Gabelwuchs (zwei gleichberechtigte Haupttriebe)

Die in diesem Stadium vorhandenen Zwiesel führen nahezu zwangsläufig zu Tiefzwieseln und sind daher ein entscheidendes Qualitätskriterium.

Unterschiede hinsichtlich der Krummschäftigkeit sind bei den beiden Verfahren nahezu nicht festzustellen. Jeweils 75 Prozent der Pflanzen weisen einen geraden Wuchs auf, nur etwa ein Prozent der Wildlingspflanzen sind unschnürig (Baumschulpflanzen: 2 %). Gleiches gilt für die Anzahl der Äste: Im Schnitt haben Baumschulpflanzen 35 Äste, Wildlinge 36 Äste. Lediglich in der Wuchsform differieren die Verfahren. Während bei den Wildlingen fünf Prozent der Pflanzen einen Zwiesel haben, sind es bei den Baumschulpflanzen neun Prozent. Wildlinge aus dem eigenen Wald zu verwenden, dient damit auch der Qualitätssicherung, da man selbst Einfluss auf Frische und Qualität nehmen und "minderwertige" Pflanzen bereits bei der Gewinnung aussortieren kann.

Wurzel

Um die Verfahren abschließend beurteilen zu können, wurden im Herbst 2012 die Wurzeln samt oberirdischer Biomasse von 43 Baumschulpflanzen und 49 Wildlingen mit einem Bagger ausgegraben; das entspricht einem Anteil von jeweils knapp 15 Prozent aller noch verbliebenen Pflanzen (Tab. 2).

Tab. 2: Kennzahlen der Stichprobenbäume – getrennt nach Verfahren (jeweils Durchschnittswerte) nach einer weiteren Vegetationsperiode im Herbst 2012
Baumschulpflanzen Wildlinge
Anzahl Stichprobe 43 49
Sprosslänge [cm] 351 380
Wurzelhalsdurchmesser [mm] 32 35
Brusthöhendurchmesser [mm] 19 22
maximale Wurzeltiefe [cm] 51 55
Anzahl der Wurzeln mit Deformation* 16 (= 37 %) 13 (= 27 %)
* ausgeprägte bis starke Hauptwurzeldeformation

Die Wurzeln wurden sorgfältig gereinigt und fotografiert (Abb. 5), die bedeutsamen Parameter für die Beurteilung des Wurzelwerkes erhoben. Hierzu zählen unter anderem

  • die maximale Wurzeltiefe,
  • Deformationsarten und -stärken,
  • Verzweigungsanzahl sowie
  • die Zuordnung der Wurzeln zu Etagen (10 cm-Stufen) und deren Einzelvermessung.

Bei den Wildlingen treten mit 27 Prozent weitaus weniger Deformationen auf als bei den Baumschulpflanzen mit 37 Prozent. Da die Ursache der Wurzelverkrümmungen allerdings nicht in allen Fällen zweifelsfrei bestimmt werden kann (v.a. hinsichtlich des Einflusses durch die Pflanzung), wird auf eine Wertung verzichtet.

Durch die Trockenmasse-Erhebung von Wurzeln und oberirdischen Pflanzenteilen wurde die Relation von unterirdischer zu oberirdischer Masse ermittelt. Grundsätzlich bedeutet ein höherer Wurzelanteil auch mehr Stabilität. Durch Aufteilung in Haupt- bzw. Seitenwurzel und Wurzelstärkeklassen können noch detailliertere Aussagen getroffen werden.

Tab. 3: Durchschnittliche Trockengewichte in Gramm – aufgeteilt nach Verfahren, Lage und Stärkeklasse      
  Baumschulpflanzen Wildlinge
oberirdisch gesamt   davon Spross davon Äste gesamt   davon Spross davon Äste
  1056,2   640,3 416,0 1387,6   856,6 531,0
unterirdisch gesamt [%] davon HW > 2 mm davon SW > 2 mm gesamt [%] davon HW > 2 mm davon SW > 2 mm
Wurzel komplett 237,0 100 196,8 28,8 314,2 100 224,9 72,8
Feinwurzeln < 2 mm 11,4 5 16,5 5
Schwachwurzeln 2 – 5 mm 21,6 9 14,0 7,6 24,7 8 13,7 11,0
Grobwurzeln

5 – 10 mm

31,3 13 19,9 11,4 46,9 15 21,9 25,0
Grobwurzeln

10 – 20 mm

52,4 22 42,6 9,8 70,0 22 43,7 26,3
Derbwurzeln 20 – 50 mm 119,0 50 119,0 0,0 146,4 47 135,8 10,5
Starkwurzeln > 50 mm 1,3 1 1,3 0,0 9,8 3 9,8 0,0
HW = Hauptwurzel, SW = Seitenwurzel
Relation Biomasse
Abb. 4: Relation von oberirdischer zu unterirdischer (ohne Feinwurzeln) Biomasse - getrennt nach Verfahren

Die Ergebnisse (Tab. 3, Abb. 4) zeigen, dass kaum Unterschiede zwischen den beiden Verfahren vorhanden sind. Der Anteil unterirdischer zu oberirdischer Biomasse liegt in beiden Fällen bei 22,5 Prozent. Auch die durchschnittlichen Gewichtsanteile der Wurzelstärkeklassen am mittleren Gewicht der Wurzel weichen nur unwesentlich voneinander ab (Tab. 3). Ein Blick auf das Verhältnis von oberirdischer zu unterirdischer Biomasse aller Einzelpflanzen zeigt einen nahezu identischen Verlauf der Regressionsgeraden (Abb. 4). Detaillierte Auswertungen zu den Wurzeluntersuchungen soll eine Masterarbeit liefern.

Wildlinge sind gut, aber nicht überall geeignet

Buchenwildlinge sind kein Wundermittel, denn deren Einsatzspektrum ist begrenzt. Beispielsweise eignen sie sich nicht auf der Pflanzung auf Freiflächen, da sie frostempfindlicher als Baumschulpflanzen sind. Zudem haben sie Schwierigkeiten die unter Schirm gebildeten Schattenblätter auf vollen Lichtgenuss umzustellen. Die oben aufgeführten Vorteile resultieren aus der Verwendung unter Altbäumen (z.B. Voranbau). Bei der Auswahl der Wildlinge muss unbedingt auf folgende Punkte geachtet werden:

  • Gesundheit (vital, unverletzt)
  • Qualität (gerade, wipfelschäftig, frisch)
  • Stufigkeit
Wurzeln
Abb. 5: Wurzel einer Baumschulpflanze (links) und eines Wildlings (rechts) (Foto: J. Stiegler)

Wildlinge sollten daher nur aus phänotypisch geeigneten Beständen, am besten aus anerkannten Saatgutbeständen gewonnen werden. Die optimale Größe von Buchenwildlingen liegt bei 30 – 50 Zentimeter. Wildlinge unter 30 Zentimeter weisen ein schlechteres Wachstum auf, bei größeren Pflanzen treten gehäuft Wurzeldeformationen auf. Um Wurzelverluste bei der Gewinnung zu minimieren, sollten Wildlinge während Feuchteperioden und auf lockeren Böden mit geringem Skelettanteil gewonnen werden. Wildlinge unterliegen wie die Baumschulpflanzen dem Forstvermehrungsgutgesetzt (FoVG). Nur Wildlinge, die in eigenen Wald gewonnen werden, unterliegen dem Gesetz nicht und dürfen für den Eigenbedarf verwendet werden. In allen Fällen sind die Rechtsvorschriften des FoVG zu beachten.

Fazit

Die zehnjährigen Beobachtungen zeigen, dass sich Buchenwildlinge für den Voranbau sehr bewährt haben. Entscheidend für den Erfolg sind gesunde und qualitativ hochwertige Wildlinge. Erfahrungen zeigen, dass in der Regel mindestens ein Fünftel aller gewonnen Wildlinge aussortiert werden müssen. Auf Freiflächen und an Säumen sind Wildlinge nicht empfehlenswert.

Bei der Verwendung geeigneter Wildlinge lassen sich im Vergleich zu sortimentsgleichen Baumschulpflanzen bis über 50 Prozent der Pflanzenbeschaffungskosten einsparen. Zudem entfallen Lagerung und weite Transporte, somit ist das Pflanzenmaterial stets frisch.

Originalartikel

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