| Autor(en): | Clemens Blattert, Renato Lemm |
| Redaktion: | WSL, Schweiz |
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Abb. 1 - Die Polteranfahrt könnte in naher Zukunft durch ein Navigationssystem unterstützt werden. Foto: F. Frutig (WSL); Display © Fraunhofer IFF Magdeburg, 2010 |
Im
Strassenverkehr helfen Navigationssysteme, die anvisierten Ziele schnell zu
erreichen. Auch im Wald könnte man die elektronischen Helfer sinnvoll
einsetzen. Berechnungen zeigen, dass sich damit bei der Holzabfuhr Millionen sparen liessen. In Deutschland wurden
Systeme entwickelt, die sich theoretisch auch in der Schweiz anwenden lassen.
Die
Logistikkette Forst-Holz lässt sich im Bereich der Holzabfuhr weiter
rationalisieren. Insbesondere der Zeitaufwand für die Suchfahrten der
Transporteure bei der Anfahrt von der öffentlichen Strasse bis zum Polter am Waldweg
muss verbessert werden. Durch Suchzeiten und den zusätzlichen Treibstoffverbrauch
werden unnötige Kosten verursacht. Auch die Umwelt und das Wegenetz werden
stärker belastet als notwendig. Navigationssysteme
für die Lkw-befahrbaren Waldwege, wie man sie vom öffentlichen Strassenverkehr
her kennt, könnten den Holztransport erheblich verbessern.
Derzeit bestehen in der Schweiz im Vergleich zu den Nachbarländern grosse Differenzen zwischen den Holzerlösen und den Holzkosten frei Werk (Ernte-, Transport- und Overheadkosten wie z. B. Kosten für Geschäftsleitung und Verwaltung). Obwohl die Holzpreise am Werkstor in der Schweiz mit zu den höchsten gehören, zählen die Holzerlöse für den Waldbesitzer zu den niedrigsten in Europa. Dies liegt unter anderem an den Kosten für den Holztransport, die in der Schweiz höher sind als in den Nachbarländern1.
Im Jahr 2009 wurden in der Schweiz rund 5 Millionen Festmeter Holz per Lkw aus dem Wald abtransportiert2. Dies entspricht einem Gesamtkostenaufwand von ca. 60 Millionen CHF für den Transport. Beachtenswert ist, dass ein Lkw, der Holz transportiert, durchschnittlich 31% der Verweildauer im Wald allein für die Anfahrt von der öffentlichen Strasse zum Lagerort benötigt, für die Rückfahrt dagegen nur 9% (Abb. 2)3.
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| Abb. 2 - Prozentualer Anteil der Aufgaben eines Transporteurs an der gesamten Verweilzeit im Wald4. |
Eine Ursache für die langen Anfahrtszeiten liegt vielfach darin, dass der Transporteur nach dem Polter sucht, weil der Lagerort in den meisten Fällen nur schwer auffindbar ist. Oft muss dabei der Waldbesitzer oder Revierleiter den Transporteur persönlich einweisen. Eine Befragung von Transportunternehmen hat ergeben, dass 2 bis 5% der gefahrenen Kilometer durch die Vermeidung von Suchfahrten eingespart werden könnten5. Bei den oben genannten Transportkosten für die Schweiz entspricht dies einem Einsparungspotenzial von bis zu 3 Millionen CHF pro Jahr.
Wesentliche Voraussetzung für die Schaffung eines Navigationssystems ist eine geeignete Datengrundlage der Lkw-befahrbaren Waldwege und ihrer spezifischen Merkmale wie Tragfähigkeit, Wegebreite, Kurvenradius, Steigung, Engpässe, Wendemöglichkeiten und Brücken. In Deutschland wurde dafür die Non-Profit-Gesellschaft NavLog GmbH gegründet. Deren primäres Ziel ist die Erfassung der Waldwege nach dem GEODAT-Standard. Dieser klassifiziert die Waldwege nach ihrer Lkw-Befahrbarkeit und definiert die spezifischen Merkmale. Nach GEODAT werden erfasste Waldwege in einem navigierbaren Vektordatensatz, einem sogenannten ShapeForst, abgebildet.
Für die Erfassung vor Ort sind die einzelnen Forstbetriebe zuständig. Als Gegenleistung erhalten sie von NavLog kostenlos ihre eigenen Wegedaten digital und qualitätsgesichert zurück. Ausserdem ermöglicht die NavLog GmbH Forstleuten Zugang zu einem geografischen Informationssystem, in welchem sie die Daten von Waldwegen erfassen und aktualisieren können6. Zum Beispiel können sie bei Holzerntearbeiten Wege virtuell sperren.
Das ShapeForst bildet die Datengrundlage für die Offroad-Navigations-Software ALFONS (Adaptives Logistisches Fraunhofer Offroad-Navigationssystem) des Fraunhofer Instituts für Fabrikbetrieb und -automatisierung (IFF). ALFONS ist die Ergänzung zu einer "handelsüblichen" Onroad-Navigations-Software, die für Navigationssysteme im öffentlichen Strassennetz genutzt wird. Die Verknüpfung zwischen ALFONS und der Onroad-Navigations-Software erfolgt über sogenannte Absprungpunkte. Dabei handelt es sich um Abzweigungen von öffentlichen Strassen in den Wald, die im Datensatz des ShapeForst definiert sind (Abb. 3)7.
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Abb. 3 - Die Offroad-Navigation ALFONS wird über so genannte Absprungpunkte mit einer "handelsüblichen" Onroad-Navigations-Software verknüpft. |
Dieser zweigeteilte Ansatz mit handelsüblichen Systemen, die mit dem Wegenetz im Wald ergänzt werden, erhält von der Praxis in Deutschland derzeit grossen Zuspruch. Die Zweiteilung des Systems bietet den Vorteil, dass die Daten der Waldwege separat vom öffentlichen Strassennetz verwaltet werden können. Hohe Entwicklungs- und Folgekosten für Datenaktualisierungen (z. B. bei Änderungen im öffentlichen Strassennetz) lassen sich somit vermeiden8. Gleichzeitig besteht Schutz vor kommerziellem Missbrauch des ShapeForst durch private Anbieter, da die Datenhoheit auf Seiten des Waldbesitzers verbleibt.
Als "Zieladresse" für ALFONS dienen zum Beispiel die Lagekoordinaten der Holzpolter im Wald. Seit der Einführung von Logistiksystemen für die Polterverwaltung in der forstlichen Praxis (z. B. IFIS POLVER, WinforstPro net.logistik) werden diese fast durchgängig von den Revierleitern erhoben. Anhand der Polterkoordinaten und der mittels GPS ermittelten Fahrzeugposition errechnet das Navigationssystem die effizienteste Route. Im öffentlichen Strassennetz bis hin zum Absprungpunkt erfolgt die Routenberechnung mit Hilfe der Onroad-Navigations-Software. Ab dem Absprungpunkt schaltet das System automatisch auf ALFONS um und gewährleistet die Routenführung auf den Waldwegen bis zum Polter (Abb. 4).
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| Abb. 4 - Funktionsweise des Wald-Navis ALFONS; Adaptives Logistisches Fraunhofer Offroad-Navigationssystem. |
Die Entwicklung des Navigationssystems ist bereits sehr weit fortgeschritten. Auf der diesjährigen LIGNA in Hannover wurden der Praxis erste Navigationsgeräte mit dem NavLog-Datensatz vorgestellt9. Der aktuelle Stand der Technik ist das Resultat von fünf Jahren Arbeit.
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Abb. 5 - Navigationssysteme helfen, den Holztransport im Wald zu rationalisieren. Foto: F. Frutig (WSL) |
Zukünftige Anwendungspotenziale von Navigationssystemen im Wald liegen vor allem im Bereich der Logistikkette Forst-Holz. Forstbetriebe können zum Beispiel die Einweisezeiten für Holztransporte durch das Forstpersonal reduzieren und damit Personalkosten einsparen. Gleichzeitig werden weniger Kilometer im Wald gefahren, was wiederum die Kosten für die Wegeunterhaltung senkt. Zudem bietet ein digitales Waldwegenetz wie das ShapeForst den Betrieben die Möglichkeit zur effizienten Verwaltung der Rundholzmengen sowie zu einer gezielten Verkaufs- und Abfuhrsteuerung. Daraus ergibt sich ein verbessertes Poltermanagement, indem sich die vorhandenen Holzmengen der Nachfrage von Kunden flexibel zuordnen lassen.
Den Transportunternehmen sowie der Holzindustrie bieten Navigationssysteme die Möglichkeit zur Routenoptimierung, indem sie die kürzeste Lieferdistanz zwischen Wald und Werk ermitteln und dadurch die Fahrzeit verringern helfen. Zusätzlich lassen sich durch die Bildung eines effizienten Rückfracht- und Flottenmanagements Leerfahrten weiter reduzieren.
Ein weiterer, in Zukunft bedeutender Einsatzbereich liegt in stark kundenorientierten Logistikketten für forstliche Biomasse (tailor-made wood-supply). Mit der zunehmenden energetischen Verwendung von Holz müssen viele kleine Holzmengen von verteilten Standorten kostengünstig aus dem Wald zum Käufer gebracht werden. Dies verlangt gut organisierte und effizient durchgeführte Prozessabläufe, die von einem Navigationssystem unterstützt werden können.
Neben der Logistikkette Forst-Holz ist es auch vorstellbar, dass der Rettungsdienst oder die Feuerwehr Navigationssysteme benutzen. Auch für den Schutz ökologisch wertvoller und sensibler Gebiete können Navigationssysteme einen Beitrag leisten, indem ein Teil der Wegabschnitte für den Transport gesperrt und so der Verkehr im Wald gezielt gelenkt wird.
Die in Deutschland erprobten Ansätze liessen sich auch auf die Schweiz übertragen. Vor einer Einführung von forstlichen Navigationssystemen in der Schweiz stellen sich allerdings noch folgende Fragen:
Um diese Fragen zu beantworten, beabsichtigt die Eidgenössische Forschungsanstalt WSL ein Pilotprojekt durchzuführen, bei welchem das Navigationssystem in einem Testgebiet in der Schweiz ausprobiert wird.