Bayerische Landesanstalt
für Wald und Forstwirtschaft
Abt. Biodiversität,
Naturschutz, Jagd
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| Autor(en): | Carina Schwab, Redaktion waldwissen.net – LWF |
| Redaktion: | LWF, Deutschland |
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Abb. 1: Wildschweine sind mittlerweile in fast ganz Bayern verbreitet (Foto: C. Schwab). |
In den vergangenen Jahren haben die Schwarzwildbestände drastisch zugenommen. Gleichzeitig breiten sich die Wildschweine immer weiter aus. Nicht nur Landwirte und Jäger beklagen vermehrt massive Wildschäden, auch die Waldbesitzer bleiben nicht verschont. Daneben häufen sich die durch die Schwarzkittel verursachten teils schweren Verkehrsunfälle. Es ist daher dringend notwendig, die überhöhten Schwarzwildbestände effektiv zu regulieren. Aber die Schwarzkittel machen es den Jägern nicht einfach. Im Projekt "Brennpunkt Schwarzwild – Projekt zur Entwicklung innovativer regionaler Konzepte" werden daher in fünf Modellgebieten regionale Konzepte für eine effektivere Bejagung der Wildschweine entwickelt.
Die Schwarzwildstrecken haben sich in den letzten 30 Jahren in Bayern verzwanzigfacht. Wurden im Jagdjahr 1980/ 1981 nur knapp 3.000 Schwarzkittel erlegt, so waren es 2010/ 2011 über 60.000 Tiere (Tab. 1) – das bislang zweithöchste im Freistaat erreichte Ergebnis.
| Tab.1: Schwarzwildstrecken in Bayern im Staats- und Privatwald (Stückzahlen einschließlich Fallwild) nach Jagdjahren und Regierungsbezirken | ||||||||||
| Jagdjahr 1980/81 |
1990/91 |
2003/04 |
2004/05 |
2005/06 |
2006/07 |
2007/08 |
2008/09 |
2009/10 |
2010/11 |
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| Oberbayern | 615 | 1.702 | 4.121 | 5.550 | 3.636 | 1.902 | 5.038 | 5.590 | 4.208 | 6.128 |
| Niederbayern | 211 | 1.471 | 2.004 | 3.583 | 2.338 | 1.273 | 3.471 | 4.501 | 3.124 | 5.246 |
| Oberpfalz | 567 | 3.592 | 6.366 | 10.147 | 7.403 | 3.735 | 9.319 | 10.933 | 7.246 | 10.466 |
| Oberfranken | 319 | 1.771 | 5.048 | 6.267 | 4.823 | 3.200 | 6.442 | 8.060 | 5.385 | 7.230 |
| Mittelfranken | 160 | 1.008 | 3.055 | 4.126 | 2.469 | 1.154 | 3.957 | 4.500 | 3.677 | 4.662 |
| Unterfranken | 1.000 | 6.593 | 17.565 | 19.450 | 17.920 | 9.621 | 15.608 | 22.259 | 13.274 | 19.333 |
| Schwaben | 56 | 592 | 3.811 | 5.125 | 3.578 | 2.049 | 4.799 | 6.267 | 5.477 | 7.468 |
| Summe | 2.928 | 16.729 | 41.970 | 54.248 | 42.167 | 22.934 | 48.634 | 62.110 | 42.391 | 60.533 |
Die Ursachen für den so belegten Bestandsanstieg sind vielfältig. Zum einen ist Schwarzwild eine äußerst vermehrungsfreudige Wildart, unter guten Voraussetzungen sind Zuwachsraten von bis zu 300 Prozent möglich (Abb. 2). Bei optimalen Umweltbedingungen werden die Würfe größer, die Frischlingssterblichkeit ist geringer und die Geschlechtsreife wird früher erreicht. Klimawandel und ein häufigeres Mastaufkommen bei Eiche oder Buche begünstigen diese Entwicklung. Auch steht den Tieren in der veränderten Kulturlandschaft ein üppigeres Nahrungsangebot zur Verfügung, z.B. durch den Maisanbau oder teilweise durch unsachgemäße Kirrung, Ablenkfütterung oder Fütterung. Hinzu kommt, dass die anpassungsfähigen Tiere unterschiedlichste Lebensräume besiedeln, darunter auch Städte, was ihre Ausbreitung erleichtert. Auf der anderen Seite erschweren milde Winter mit wenig Schnee die Bejagung.
Diese rapide Vermehrung des Schwarzwildes bringt Probleme mit sich. Am deutlichsten bekommen dies Landwirte, Jäger und Waldbesitzer zu spüren, auf deren Flächen die Tiere bei ihrer Nahrungssuche Schäden verursachen (Abb. 3). Für viele Jagdreviere findet sich aufgrund der hohen zu erwartenden Wildschäden bereits jetzt nur noch schwer ein Pächter. Betroffen sind aber nicht nur diese Gruppen: Die Wildschweine haben längst die Städte besiedelt, fühlen sich dort "sauwohl" und verursachen in diesem befriedeten Bereich immer mehr Probleme. Auch sind die schweren Verkehrsunfälle mit Schwarzwildbeteiligung angewachsen. Schließlich wächst mit der Ausbreitung (Abb. 4 und 5) und Zunahme der Bestände auch das Risiko der Übertragung von Schweinepest.
Aufgrund dieser Entwicklungen wurden von der Bayerischen Forstverwaltung und den betroffenen Verbänden bereits 2002 die "Gemeinsamen Empfehlungen zur Reduktion überhöhter Schwarzwildbestände" erarbeitet und 2004 in die Schalenwildrichtlinie für Bayern aufgenommen. Die "Evaluierung der Empfehlungen zur Reduzierung überhöhter Schwarzwildbestände (ERS) in Bayern" im Jahr 2007 zeigte allerdings, dass die Empfehlungen noch nicht ausreichend umgesetzt werden und erhebliches Verbesserungspotenzial besteht. Im Projekt "Brennpunkt Schwarzwild", das im Oktober 2009 startete und noch bis 2013 läuft, sollen regionale Konzepte entwickelt werden.
Im Mittelpunkt des Projektes steht die Lösungsfindung durch die Beteiligten vor Ort. Erfolgen die Empfehlungen nicht "von oben nach unten" (Top-down), ist die Akzeptanz bei den Akteuren größer und die Wahrscheinlichkeit höher, dass die gemeinsam entwickelten Strategien eigenverantwortlich ungesetzt werden. Daher erarbeiten im "Brennpunkt Schwarzwild" Jäger, Landwirte, Waldbesitzer und Behördenvertreter gemeinsam und auf gleicher Augenhöhe Zielsetzungen und Lösungswege und setzen notwendige Maßnahmen um.
Das Projekt arbeitet in fünf Modellgebieten, die die unterschiedlichen Ausgangssituationen in Bayern repräsentieren. Die Modellgebiete des Projektes sind:
Die lokalen Akteure nutzen die Chance, die bestehenden Schwarzwildprobleme eigenverantwortlich und vorausschauend vor Ort selbst in den Griff zu bekommen. Ihr Engagement der Beteiligten spiegelt sich in den vielfältigen Ideen und konstruktiven Vorschlägen wider. Seit Projektbeginn wurden die folgenden Maßnahmenpakete bereits angegangen bzw. umgesetzt:
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Abb. 6: Bejagungsschneisen in Mais und anderen Fruchtarten werden im Rahmen des Projektes auf ihre Wirksamkeit geprüft (Foto: N. Hahn). |
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Abb. 7: Die neun ausgeliehenen Nachtzielgeräte wurden auf jagdtaugliche Repetierbüchsen montiert (Foto: LKA). |
Nachtzielgeräte sind waffenrechtlich verbotene Gegenstände. Die Diskussion und Forderung zu ihrem Einsatz auch in Jägerkreisen ist nicht neu. Trotz der unterschiedlichen Sichtweisen zu dieser Technik haben sich auf den Workshops des Projektes die Beteiligten für einen Test, teilweise sogar für eine Legalisierung ausgesprochen. Die Motivation und die Gründe der Interessierten sind unterschiedlich und spiegeln die bekannten Diskussionspunkte wider (effektive Wildschadensverhütung, tierschutzgerechte Nachtjagd, sinnvolle Hilfsmittel zur Bestandsreduktion, usw.). Um auch diesen Aspekt zur Schwarzwildbejagung zu beleuchten, wurde ein Antrag zur Prüfung neuer Jagdtechniken an den Bayerischen Landtag gestellt und beschlossen. Der eng umgrenzte Praktikabilitätstest darf aber keinesfalls mit einer generellen oder gar flächendeckenden Einführung von Nachtzielgeräten gleichgesetzt werden.
Handlungsmaxime des geplanten Praktikabilitätstest sind Transparenz, Sachlichkeit und wissenschaftlich nüchternes Herangehen. Sämtliche Schritte zum Test, Versuchsdesign, Vorgehen sowie die Dokumentation der Aktivitäten werden transparent für alle Beteiligten vor Ort gemeinsam erarbeitet, offen diskutiert und festgelegt. Vom Bayerischen Landeskriminalamt wurden neun meist vom Zoll beschlagnahmte Nachtzielgeräte ausgeliehen und auf jagdtaugliche Repetierbüchsen montiert (Abb. 7). Für den Einsatz von künstlichen Lichtquellen nutzen die berechtigten Jäger eigene Waffen. Der Praktikabilitätstest läuft in vier der fünf Modellgebiete und wird ergebnisoffen durchgeführt; die Ergebnisse werden im Abschlussbericht des Projektes mitgeteilt.
Die öffentliche Wahrnehmung des Projekts reduzierte sich trotz erfolgreicher anderer Aktivitäten und der Vielzahl der Umsetzungsmaßnahmen auf kontroverse Diskussionen über den Test von Nachtzieltechnik. Dieser ist aber nur ein kleiner Baustein, dessen Ergebnis völlig offen ist. Erst alle Bausteine zusammengenommen ergeben ein regionales Schwarzwildkonzept. Im Vordergrund des Projektes steht die Zusammenarbeit der Beteiligten vor Ort, denn: Die Schwarzwildproblematik lässt sich nur gemeinsam lösen.