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Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA)
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Autor(en): Reinhold John
Redaktion: FVA, Deutschland
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Spinne des Jahres 2013: die Gemeine Tapezierspinne

Manche fürchten sie, andere dulden sie, einige haben Achtung vor ihnen und ihren Fähigkeiten: Sie jagen, rennen, fangen, springen, bauen heimliche Stolperfallen, klebrige Netze und fliegen in der Jugend davon: Spinnen! Und eine besonders beachtenswerte Vertreterin dieser großen Ordnung hat es geschafft, sie trägt für ein Jahr die stolze Auszeichnung "Europäische Spinne des Jahres 2013". Heimwerker können sich ihren Namen gut merken, heuer wurde nämlich die Gemeine Tapezierspinne aufs europäische Podest gehoben und ins Rampenlicht geschoben.

Weibchen der Gemeinen Tapezierspinne (Atypus affinis) (Foto: biopix.dk, J. C. Schou)
Abb. 1: Weibchen der Gemeinen Tapezierspinne (Atypus affinis) (Foto: biopix.dk, J. C. Schou)

Oh lass es endlich Herbst werden! Dann nämlich wird sich wohl die beste Gelegenheit ergeben, die Atypus affinis (Eichwald 1830) zu beobachten. Das ist der Moment, wenn die 7 bis 10 mm großen tiefschwarzen Männchen die deutlich größeren, meist dunkelbraunen 10 bis 15 mm großen Weibchen (Abb. 1) suchen und dabei durchs Gelände strolchen. Jungtiere dagegen sind auffallend hell gefärbt. Ein markantes Kennzeichen der Art sind die langen hinteren Spinnwarzen, die dreigliedrig sind (Abb. 2). Wer noch genauer hinschaut, entdeckt vielleicht sogar die pigmentfreie kleine Stelle apikal-außen am Tarsus des ersten Vorderbeins.

Spinnenforscherinnen und -forscher zählen die Gemeine Tapezierspinne zur Familie der Tapezierspinnen, auch Atypidae genannt. Schon aus respektvollem Abstand sind die waagerecht nach vorne stehenden (orthognathen) Giftklauen, die Cheliceren, zu sehen. Dagegen beißen fast alle bei uns heimischen Spinnen "labidoganth" zu – das bedeutet, die Giftklauen stehen gegeneinander. Das ist effektiver; der Heimwerker denkt sofort an seine Beißzangen im Koffer, mit denen sich mächtig Druck ausüben lässt. 

Hintere Spinnwarzen von Atypus affinis (aus Loksa, I. (1969): Pokok I-Araneae I. Fauna Hungariae 97, 2.1-2.133)
Abb. 2: Hintere Spinnwarzen von Atypus affinis (aus Loksa, I. (1969): Pokok I-Araneae I. Fauna Hungariae 97, 2.1-2.133)

Beim weltweiten Familientreffen der Atypidae nähmen drei Gattungen mit 49 Arten Platz an der Festtagstafel. In Mitteleuropa ist alles auf drei Arten reduziert: die Mauer-, die Pechschwarze- und die Gemeine Tapezierspinne. Letztere ist in Deutschland die häufigste der drei Arten. Die Tapezierspinnen sind auch auf den Roten Listen einzelner Länder bzw. Bundesländer zu finden; dort werden sie in der Vorwarnstufe oder als gefährdet bzw. stark gefährdet eingestuft. Bei uns in Baden-Württemberg wird die Art nach der Roten Liste der Spinnen als "gefährdet" beurteilt.

Tapezierspinnen leben in trockenen, offenen Kieferwäldern und Heidelandschaften, in Trockenrasen und an Felshängen südexponierter Lage (bis 500 m), bevorzugen also xerotherme Standorte. Im Kaiserstuhl lassen sich mancherorts auf begrünten Rebflächen Gemeine Tapezierspinnen finden. Die Tiere graben dort unterirdische Röhren von 10 bis 30 cm Länge, die sie mit Spinnseide auskleiden. Oberirdisch setzt sich dieser Wohnschlauch als nochmals bis zu 10 cm langer "Fangschlauch" fort, der mit Erdpartikeln aus der Umgebung getarnt wird. Beuteinsekten wie Ameisen, Käfer, Tausendfüßer und andere laufen versehentlich über den Fangschlauch, werden von unten von der lauernden Spinne gebissen und durch die Schlauchwand hereingezogen.

Typischer südexponierter Trockenrasen als Lebensraum
Abb. 3: Typischer südexponierter Trockenrasen als Lebensraum der Gemeinen Tapezierspinne (Atypus affinis).

Die Art lebt gesellig, Kolonien von 200 Tieren kommen durchaus vor, bis zu 90 Tiere pro m2 wurden registriert. Erst nach vier Jahren erlangen sie Geschlechtsreife – für Spinnen in unseren Breiten erreicht die Art ein hohes Lebensalter von 8 bis 10 Jahren. Im Gegensatz zu den Weibchen wandern die Männchen frei herum, speziell zur herbstlichen Paarungszeit lassen sie sich außerhalb ihrer Fangschläuche entdecken. Dann nämlich suchen sie eine Partnerin, betrillern ihren Fangschlauch und paaren sich am unteren Ende des Schlauches. Aus den Eiern schlüpfen im Herbst die Jungspinnen, die ohne Nahrungsaufnahme den Winter im mütterlichen Wohnschlauch überdauern. Die ersten warmen Tage im Frühjahr werden dann genutzt, um im wahrsten Sinne des Wortes "flügge" zu werden: Flugs wird mittels Spinndrüsen ein „Fadenfloß“ produziert, sobald dieses trägt, verlieren die 8 Füße die Bodenhaftung und die Jungspinne steigt als Aeronaut empor und erobert fliegend ferne, neue Lebensstätten.

Also, schon jetzt im Frühjahr fest daran glauben, im Herbst die diesjährige Spinne des Jahres zu entdecken!

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