| Autor(en): | Martin Bolliger (Naturama Aargau) |
| Redaktion: | WSL, Schweiz |
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Sie leben im Verborgenen, im faulenden Holz, unter Borken. Viele von ihnen sind nachtaktiv. Und ihr Lebensraum ist selten geworden. Höchste Zeit also, dass man sich mit holzbewohnenden Grosskäfern befasst, dass man sie bekannt macht und über sie spricht. Staunen auch Sie über die schönen, filigranen, auffälligen Insekten.
Holzbewohnende Grosskäfer sind keine einheitliche Käfergruppe. Es sind dies hier ziemlich willkürlich zusammengewürfelte grosse Käfer, darunter unter anderem Bockkäfer, Hirschkäfer (Schröter, weil die Larven das Holz schroten, also grob zerkleinern) und Rosenkäfer. Gemeinsam ist ihnen neben ihrer Grösse die Abhängigkeit von Holz, oft Totholz oder absterbendes Holz, in dem ihre Larven oft mehrere Jahre verbringen.
Obwohl viele dieser Käferarten spektakulär gross sind, haben selbst naturinteressierte Personen sie noch kaum je zu Gesicht bekommen. Dies hängt neben der generellen Seltenheit der Arten an ihrer Lebensweise. Sie sind oft dämmerungsaktiv und verbringen den Tag gut verborgen in einem Versteck. Anzutreffen sind sie vor allem in der "warmen" Schweiz, so in den Kantonen Wallis, Tessin, Graubünden, Schaffhausen, in der Genfer Region, u.a.
Holzbewohnende Grosskäfer sind vor allem im Larvenstadium kaum mobil und die wenigen Vorkommen deshalb sehr verletzlich. Zentral ist deshalb, dass immer genügend für die Käfer geeignete Strukturen in der Nähe vorhanden sind für die Entwicklung der Larven. Auch die erwachsenen Käfer sind meist wenig ausbreitungsfreudig und legen höchstens ein paar hundert Meter zurück.
Das Aufspüren der grossen Käfer ist allerdings nicht ganz einfach. Um sie zu sehen, muss man zur richtigen Jahreszeit und bei der richtigen Temperatur am richtigen Ort und beim "richtigen" Baum sein… Mehr Glück hat der Naturinteressierte in der Regel mit dem tagaktiven und blütenbesuchenden Moschusbock oder dem etwas selteneren Kleinen Eichenbock, der ebenfalls auf Blüten angetroffen werden kann. Gute Käfermonate sind Mai bis August.
Man könnte meinen, die Naturschutzmassnahmen, die zur Zeit im Wald getroffen werden, würden automatisch auch für die holzbewohnenden Käfer ausreichen. Dies ist jedoch meist nicht der Fall. Oft fehlen in unseren Waldungen die dicken und alten Bäume in genügender Anzahl, und wenn sie noch vorhanden sind, so fehlt oft die notwendige Besonnung der Stämme, da viele Arten wärmeliebend sind.
Für diese Arten ist unser
Wald meist zu dunkel. Ausserdem sind die Käfer vielfach lokal schon
ausgestorben, da ihnen die Bedingungen nicht mehr zusagten, und ihre ehemaligen
Biotope sind somit heute "verwaist". Für den Förster ist ein "Käferbaum"
in der Regel ein von Borkenkäfern befallener Nadelbaum und ein wirtschaftlicher
Schaden. Deshalb ist dieser Begriff heute vielerorts negativ belegt. Für den Naturfreund kann "Käferbaum" jedoch eine ganz andere und freudige Bedeutung haben.
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Abb. 3 - Alte, knorrige Eichen haben eine besondere Bedeutung im
Käferschutz, weil diese Baumart am meisten holzbewohnende Käfer
beherbergt. Foto: Martin Bolliger |
Die Larven vieler Käferarten brauchen ganz bestimmte Baumarten und bestimmte lokalklimatische Bedingungen. Viele Arten leben auf Eichen, Weiden, Pappeln, Linden, Obstbäumen oder bei den Nadelhölzern auf der Waldföhre.
Besondere Bedeutung haben die Eichen. An ihnen leben Hunderte von Tierarten, darunter auch viele holzbewohnende Käferarten. So kommen an der Stiel- und der Traubeneiche der Hirschkäfer, der grosse Eichenheldbock, der kleine Eichenbock oder Spiessbock, der Sägebock und der Balkenschröter vor, um nur einige zu nennen – alles prächtige und im Vergleich zu den meisten Käfern geradezu riesenhafte Brummer. Eine alte Eiche weist immer auch verschiedene Totholzstrukturen und viele Nischen in der groben Borke auf, die für die Käfer wichtig sind.
Alleen, Baumreihen entlang von Bächen, Kopfweiden, Parkbäume (auch mitten in der Grossstadt!), aber auch extensiv genutzte baumbestandene Weiden oder alte Hochstamm-Obstgärten können besondere Käferarten ausserhalb des Waldareals beherbergen. Hier gibt es in der Regel mehr Sonne als im geschlossenen Wald, und dies ist für das Vorkommen von Käfern sehr wichtig.
Aber auch ausserhalb des Waldes sind die holzbewohnenden Käfer stark gefährdet,
da der Zeitgeist nach "Sicherheit" ruft. Sobald ein Baum sichtbar zu
kränkeln beginnt, wird er für viele Käfer erst richtig interessant. Diese absterbenden
Bäume werden jedoch oft sofort weggeräumt und das Holz zu Hackschnitzeln verarbeitet,
weil Sicherheitsbedenken von Behörden oder Anwohnern vorliegen.
Auch Bäume mit Höhlen gelten oft als krank,
obwohl diese meist noch Jahrzehnte stehen bleiben könnten. Gerade hohle Bäume
sind oft stabiler als "gesunde" (Röhreneffekt) und überleben Stürme besser. Besonders bei Baumpflegearbeiten oder Verjüngungsmassnahmen ist die Gefahr gross, dass für Käfer wertvolle
Bäume oder Strukturen (z.B. Totholzäste) beseitigt werden. Nach
Sturmereignissen werden Bäume meist sofort weggeräumt
und zu Holzschnitzeln verarbeitet. Wenn dies uralte Baumriesen betrifft, so gehen kaum ersetzbare Käferhabitate verloren.
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| Abb. 4 - Der Weberbock lebt in alten Pappeln und Weiden. | Abb. 5 - Der Körnerbock, der in alten und absterbenden Silberweiden vorkommt, ist eine gewaltige Erscheinung. | |
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Abb. 6 - Der Sägebock verdankt seinen Namen den gesägten Fühlern. |
Abb. 7 - Der auffällig gefärbte Alpenbock entwickelt sich in frisch abgestorbenem Buchenholz. Obwohl es im Mittelland viele Buchenwälder gibt, fehlt er hier. |
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Abb. 8 - Die Larven des Schusterbocks leben im Fichten- und Tannenholz. In den Alpen ist dieser Grosskäfer recht häufig. |
Abb. 9 - Der Nashornkäfer entwickelt sich in verrottenden Rinden- und Hackschnitzelhaufen. | |
| Fotos: Martin Bolliger (5,6,7,9), Thomas Reich (4,8) |
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Abb. 10 - Aufgeschichtete Überreste eines abgestorbenen Baumes am Waldrand. Hier können sich noch über viele Jahre holzbewohnende Käfer entwickeln. |
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Abb. 11 - Der Moschusbock ist oft an Blüten zu finden, wo er sich von Pollen ernährt. |
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Abb. 12 - Baumhöhlen bieten nicht nur Grosskäfern, sondern auch Hornissen, Vögeln oder Fledermäusen Lebensraum. |
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Abb. 13 - Safteichen sind ideale Orte, um Grosskäfer zu beobachten, aber auch sehr selten. |
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Abb. 14 - Holzlagerplätze locken Käfer zur Eiablage an. |
| Fotos: Martin Bolliger (10,12,13,14), Thomas Reich (11) |
Alte Bäume sind praktisch unersetzbar,
denn das braucht Jahrzehnte bis Jahrhunderte! Baumveteranen sollten deshalb nach Möglichkeit
bis zum Zerfall stehen bleiben. Bäume mit grossem Potential für holzbewohnende
Käfer sollte man zudem freistellen, damit sie genügend besonnt sind. Heruntergefallene Äste oder umgekippte Stämme sollten vor Ort
belassen oder in Stammnähe aufgeschichtet werden. "Sturmopfer" in hohem
Alter und mit besonderen Käfervorkommen sollten nach Möglichkeit nicht zu
Hackschnitzeln verarbeitet werden, sondern in der Nähe in einem sonnigen Waldrand
aufgeschichtet werden (Abb. 10). Dies gilt insbesondere für die Stammteile.
Begegnungen mit unseren grössten Käfern haben einen Hauch von Märchen. Diese archaisch anmutenden, zauberhaften Wesen scheinen aus einer anderen, längst vergangenen Welt zu stammen. Sie eignen sich auch als Flagschiffarten des Naturschutzes für den Lebensraum lichter, totholzreicher Wald. Von der Förderung dieses Lebensraumes profitieren viele weitere, oft auch unspektakulärere Arten.
Das Vorkommen der holzbewohnenden Grosskäfer und ihre Verbreitung ist in der Schweiz sehr schlecht bekannt. Es sind also noch zahlreiche spannende Begegnungen und Entdeckungen möglich! Eine gute Taschenlampe, Geduld und viel Spürsinn sind dabei empfehlenswert. Viele Arten sind wärmeliebend und dürften von der laufenden Klimaerwärmung profitieren. Damit diese Tiere aber eine Chance haben, braucht es Leute, die sich für sie einsetzen. Ich hoffe deshalb, Sie schon etwas mit dem "Käfervirus" angesteckt zu haben.