| Dokumentinformationen | ||
| Autor(en): | Christian Tomiczek | |
| Erscheinungsjahr: | 2006 | |
| Erstveröffentlichung: | Christian Tomiczek (2006): Stamminjektionen bei der Bekämpfung der Rosskastanienminiermotte (Cameraria ohridella) – pro und kontra. Forstschutz aktuell 37, 3 - 4 | |
| Redaktion: | BFW, A | |
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Stamminjektionen nicht für die Bekämpfung der Rosskastanienminiermotte geeignet
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Abbildung 1: Massiver Befall durch die Rosskastanienminiermotte |
Um zu testen, inwieweit Injektionsverfahren zur Bekämpfung der Rosskastanienminiermotte geeignet sind, wurden Bäume mit einem systemischen Insektizid behandelt. Die behandelten haben einen deutlich geringeren Befall als unbehandelte, aber sind nicht gänzlich ohne Befall. Zwei Jahre später wurde einer der Bäume gefällt und untersucht. Dabei konnten Kambialschäden im Bereich der Impfstellen, weit reichende Verfärbungszonen im Holzquerschnitt, abgestorbenes Holzgewebe, zunehmender Totastanteil sowie Wundfäule entdeckt werden.
Stamminjektionen und -infusionen sind vor allem im amerikanischen Raum eine lang erprobte und häufig angewandte Methode, um Baumkrankheiten und -schädlinge zu bekämpfen. Ihr Vorteil gegenüber herkömmlichen Spritzmethoden und Bodeninjektionen liegt in der Geschlossenheit des Systems. Die Pflanzenschutzmittel werden direkt in das Transportsystem der Bäume eingebracht und vom Baum selbst zu den zu behandelnden Baumteilen verfrachtet (systemische Mittel). Durch den Saftstrom werden sie verdünnt und gelangen allenfalls über Umwege (Laubfall, etc.) in die freie Natur. Angesichts der Vorteile werden aber meistens die Nachteile übersehen.
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| Abbildung 2: Bauminjektion zur Bekämpfung der Rosskastanienminiermotte |
Da in den vergangenen Jahren vielfach (verbotenerweise) Werbung von verschiedenen Firmen zur Bekämpfung der Rosskastanienminiermotte mittels Bauminjektionsverfahren gemacht wurde, hat sich das Institut für Waldschutz näher mit der Frage befasst, ob diese Methoden geeignet sind, die Rosskastanien vor der Miniermotte (Abbildung 1) ausreichend zu schützen, und welche Nebenwirkungen zu erwarten sind.
Stamminjektionsverfahren
Im Jahr 2004 wurden in Wien vier Rosskastanien mit einem nach dem Pflanzenschutzmittelgesetz in Prüfung befindlichen systemischen Insektizid und mittels Bauminjektion behandelt (Abbildung 2). Für die Bauminjektionen wurden pro Baum vier bis sechs Löcher mit 6 mm Durchmesser und 5 cm Tiefe gebohrt, anschließend wurde eine Injektionsspritze in das Bohrloch geschraubt und das Pflanzenschutzmittel in das Bohrloch gespritzt (Wegen Verschwiegenheitspflicht und Klagsandrohung kann der Name des Mittels nicht genannt werden. Anm. d. Redaktion). Nach der vollständigen Aufnahme des Pflanzenschutzmittels wurde die Spritze entfernt und die Löcher wurden mit einem Plastikstoppel verschlossen.
Geringerer Befall, aber schädliche Nebenwirkungen
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Abbildung 3: Verfärbungen und Fäulezonen im Stammquerschnitt einer
geimpften Rosskastanie |
Die behandelten Kastanienbäume zeigten im Vergleich zu den unbehandelten einen deutlich geringeren Befall durch die Rosskastanienminiermotte (Cameraria ohridella), aber keine gänzliche Befallsfreiheit. Während bei den unbehandelten Kastanien der durchschnittliche Befall in der Krone zwischen 60 – 95 % lag, wiesen die behandelten Kastanien 20 – 80 % Befall auf. Allerdings kam es bald nach der Injektionsbehandlung zu Exsudat-Austritt aus den Bohrlöchern. Zur Beurteilung der Wundreaktionen im Holz wurde im Frühjahr 2006 eine der vier behandelten Rosskastanien gefällt und systematisch aufgearbeitet. Dabei wurden Stammscheiben aus dem Bereich der Bohrlöcher sowie aus darüber liegenden Stamm- und Kronenteilen, aber auch Äste und Zweige entnommen und im Labor untersucht.
Die Ergebnisse der Laboruntersuchungen waren ernüchternd. Im Bereich der Bohrstellen war das Kambialgewebe teilweise abgestorben, weshalb die Wunden noch nicht gänzlich überwallt waren. Weiters breiteten sich Verfärbungszonen von den Impfstellen bis in die äußersten Astspitzen aus. Unter dem Mikroskop konnte sowohl Befall durch Wundefäulepilze als auch vom Baum "stillgelegtes" sowie abgestorbenes Gewebe festgestellt werden (Abbildung 3). Die verfärbten Holzteile sind praktisch totes Gewebe und für den Wasser- und Nährstofftransport nicht mehr geeignet. In einzelnen Ästen betrug der Anteil des geschädigten Gewebes mehr als 50 % des Holzquerschnittes.
Injektionsverfahren für Miniermottenbekämpfung ungeeignet
Die Untersuchung hat gezeigt, dass mit diesem Verfahren schon durch eine einzige Behandlung schwere Schäden am Baum auftreten können. Die Folgen sind ein höherer Totholzanteil wegen der schlechteren Versorgung durch verthylltes, stillgelegtes Gewebe und der Eintritt von Holz zersetzenden Fäulepilzen im Stammbereich. Dies verkürzt die Reststandzeit der Bäume und verursacht höhere Pflege- und Kontrollkosten. Beim hier getesteten Verfahren überwiegen die Nachteile bei weitem die Vorteile. Unsere Schlussfolgerung: Dieses Injektionsverfahren ist wegen der schädlichen Nebenwirkungen nicht zur Bekämpfung der Rosskastanienminiermotte geeignet.
Es ist jedoch nicht jedes Injektions- oder Infusionsverfahren negativ zu beurteilen. Sie haben einen Sinn, wenn es um die Bekämpfung von Schädlingen geht, die zum raschen Tod von Bäumen führen und deren Ausbreitung mit diesem Verfahren eingedämmt werden kann. Beispiele hierfür sind das Ulmensterben oder der Asiatische Laubholzbockkäfer.
Der Befall durch die Rosskastanienminiermotte rechtfertigt jedoch nicht die Anwendung eines Verfahrens mit derartigen Folgeschäden für den Baum.
Kontakt
- Christian Tomiczek
Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft
Institut für Waldschutz
Seckendorff-Gudent-Weg 8, A-1131 Wien
Tel.: +43-1-87838 - 1133
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| 30.01.2008 | Verfasser Dueker |
| Kommentar zu: Stamminjektionen nicht für die Bekämpfung der Rosskastanienminiermotte geeignet | |
| Ein sehr interessanter Artikel, der die Ergebnisse eines konkreten Injektionsverfahrens wiedergibt. Es resultieren jedoch zunächst einige offene Fragen bezüglich der Versuchsdurchführung. Weiterhin erscheint die Grundaussage (Titel) etwas übereilt, da die getestete, in Australien entwickelte Methode nicht an die Mitteleuropäischen Bedingungen angepasst wurde. Es wurde beschrieben, dass ein systemisches Insektizid mittels Baumapplikation eingesetzt wurde. Verständlicherweise konnte dieses Insektizid (aufgrund der Verschwiegenheitspflicht) nicht benannt werden. Jedoch fehlt der Hinweis, ob ein reiner Wirkstoff oder ein formuliertes Handelsprodukt appliziert wurde. Im Falle des reinen Wirkstoffs wäre es weiterhin interessant gewesen, ob die Substanz in wässriger Lösung appliziert wurde, oder ob ein Lösungsmittelzusatz eingesetzt wurde? Diese Angaben würden jedoch eine mögliche Diskussion bezüglich des Absterbens von Kambialgewebe beziehungsweise des Ausbreitens von Verfärbungszonen entscheidend beeinflussen. Bezüglich der angegebenen Wirkung wären zunächst Angaben über die Anzahl der getesteten Bäume bzw. der Kontrollbäume wünschenswert. Außerdem wären Angaben in Form von Mittelwerten mit Standardabweichungen, evtl. zusätzlich Angaben zur Signifikanz aussagekräftiger gewesen. Die abgebildete Bauminjektionsmethode wurde in Australien (Queensland)entwickelt. Aufgrund des australischen Klimas resultiert eine weit höhere Wuchsfreude der Gehölze, als dies in unseren mitteleuropäischen Breiten der Fall ist. Aus diesem Grund bietet der Hersteller für gemäßigte Klimate einen Aufsatz an, welcher den Durchmesser der Spitze des Bauminjektors verringert, wodurch im Endeffekt der Durchmesser der Bohrlöcher von 6 mm auf 2 mm verringert wird. Diese Technik fand in den vorliegenden Untersuchungen keine Beachtung. Die Löcher wurden nach der Injektion mit Plastikstoppel verschlossen. Hierbei handelt es sich ebenfalls um eine gebräuchliche Methode aus Australien. Die Stoppel werden dort aufgrund des schnellen Wachstums gut überwallt. Für das mitteleuropäische Klima würden sich wahrscheinlich Pasten zum verschließen der Löcher weit besser eignen. |
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| 30.01.2008 | Verfasser lackner |
| Danke für den profunden Kommentar | |
| Herzlichen Dank für den profunden Kommentar zum Artikel. Bei dem injizierten Mittel handelte es sich um ein Handelsprodukt, das für einen derartigen Einsatz nicht zugelassen war (die durchgeführten Versuche waren ein Teil des Zulassungsverfahrens). Das Präparat wurde in wässriger Lösung verabreicht. Eine statistische Auswertung wurde nicht vorgenommen, da das Schadbild an den Kastanien bei den ersten 5 Bäumen sehr ähnlich war und die restlichen Bäume im Stadtgebiet noch einige Jahre stehen bleiben sollten. In Polen wurden nach den Angaben eines Aboristen insgesamt rund 60.000 Rosskastanien mit diesem Mittel und der selben Methode behandelt. Auch dort wurde festgestellt, dass verheerende Schäden an den behandelten Bäumen die Folge waren. Scheinbar ist die "schlecht kompartimentierende" Baumart Aesculus hippocastanum weder für das angewendete Pflanzenschutzmittel, noch für die Impfmethode geeignet, andere Baumarten reagieren vielleicht besser. Abschließend muss noch einmal festgehalten werden, dass die Bekämpfung der Rosskastanienminiermotte lediglich der Ästhetik dient und vom Pflanzen/Baumschutzstandpunkt nicht zwingend notwendig erscheint. Dr. Christian Tomiczek, BFW |
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| 31.01.2008 | Verfasser Dueker |
| Danke für die reichliche Information | |
| Sehr geehrter Herr Tomiczek, danke für die reichhaltigen Informationen. In Anbetracht dessen, dass die durchgeführten Versuche Teil eines Zulassungsverfahrens waren, gebe ich Ihnen vollkommen recht - mit der, in diesen Fällen gewonnenen Nutzen-Schaden-Relation würde ich eine entsprechende Zulassung sicher auch nicht beführworten. Das Ausbreiten von Verfärbungszonen ist wahrscheinlich direkt mit dem eingesetzten Mittel, einem Handelsprodukt, in Verbindung zu bringen. In diesem Falle sind meine Anmerkungen diesbezüglich eher an die anmeldende Firma gerichtet (eine produktbezogene Diskussion ist an dieser Stelle ja wegen der Verschwiegenheitsplicht verständlicherweise nicht möglich). Ich gehe einmal davon aus, dass es sich um ein formuliertes Produkt handelt, dass ursprünglich für den Einsatz mittels Spritz- und Sprühapplikation konzipiert wurde. In diesem Falle wäre sicher ein Einsatz des reinen Wirkstoffs mittels Stammapplikation sinnvoller gewesen. Bei einem formulierten Produkt stellt sich weiterhin die Frage, ob die Schädigungen im Holz, Kambium und Bast eher durch den Wirkstoff oder durch die eingebrachten Hilfsstoffe resultieren? Diesbezüglich sollte sich die anmeldende Firma noch einmal Gedanken machen. Die "schlechte Kompartimentation" der Rosskastanie (die ebenfalls von Heidecke [2006] erwähnt wird), spricht zunächst, wie von ihnen bemerkt, gegen ein Stamminjektionsverfahren. Allerdings sollten Injektionssysteme, die für andere klimatische Vorraussetzungen konzipiert wurden, zunächst lediglich für Forschungszwecke eingesetzt werden, und erst nach entsprechender Modifikation (wie erwähnt, bietet der entsprechende Hersteller mittlerweile geeignete Aufsätze zur Verringerung des Bohrlochdurchmessers an) für den langfristigen Dauereinsatz in mitteleuropäischen Räumen in Betracht gezogen werden. Durch eine Verringerung der Bohrlöcher von 6 mm auf 2 mm und einem eher flexiblen Verschluß derselbigen dürften sich meiner Meinung nach die Schäden im Kabium und ein potentieller Sekundärbefall mit Pilzen drastisch verringern. Letztendlich haben Sie recht, dass die Bekämpfung der Rosskstanienminiermotte in erster Linie der Ästhetik dient. Aber man muß dabei auch bedenken, dass die Pflanzung von Stadtbäumen gerade auch aus diesem Grund erfolgt. Außerdem gehe ich davon aus, dass die Funktion der "Grünen Lunge" durch einen massiven Befall durch die Kastanienminiermotte ebenfalls "eingeengt" wird. Insgesamt schließe ich mich Ihnen hundertprozentig an, dass eine langjährige Bekämpfung der Kastanienminermotte, in Form der von Ihnen vorgestellten Versuche, keinen Sinn machen. Die Stammapplikation an sich ist jedoch eine sehr elegante Methode, die ich mir sehr wohl zur Bekämpfung der Kastanienminiermotte vorstellen könnte - nur bedarf es hierzu zunächst natürlich geigneter Wirksubstanzen (unter Umständen entsprechend formuliert, um einen gewebeschonenden Einsatz zu gewährleisten) und einer entsprechenden Weiterentwicklung der Methode - also kurz ausgedrückt, einem entsprechenden Forschungsbedarf. Mit freundlichen Grüßen, Andreas Düker |
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