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Dokumentinformationen
Autor(en): Winfried Bücking et al.
Originalartikel: Bücking, W. (2002): Tiere im Wald - Zum Stand faunistischer Studien in baden-württembergischen Bannwäldern. Schriftenreihe Freiburger Forstl. Forschung 18, 146-156
Online-Version: Stand: 17.06.2009
Redaktion: FVA, D
Verfügbare Sprachen: Druckansicht  deutsch
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Waldfauna - ein Brennpunkt der Bannwaldforschung

Zum Stand faunistischer Studien in baden-württembergischen Bannwäldern

Tiere besetzen nicht nur Schlüsselpositionen in Funktionsabläufen der Wälder, sondern tragen wesentlich zur Artenvielfalt bei und bestimmen die Eigenart der Waldlebensgemeinschaften mit. Um die Biodiversität im Wald auf möglichst großer Fläche zu erhalten oder zu vergrößern – erklärte Ziele der Umwelt- und Waldkonventionen von Rio, der Europäischen Ministerkonferenzen zum Schutz der Wälder und des Naturnahen Waldbaus –, müssen nicht nur die Verbreitungsmuster der Arten besser erfasst und ihre Entwicklung langfristig beobachtet, sondern auch die ökologischen Bedingungen für ihr Auftreten in Beispielswäldern untersucht werden. Das Thema wird in diesem Beitrag auf kleinere Tiere mit kleinen bis einige 100 ha großen Lebensraumansprüchen begrenzt, entsprechend dem Flächenrahmen der Bannwälder von rund 4 bis 280 ha und einer mittleren Flächengröße von 58 ha, die in den vergangenen Jahren erheblich gesteigert werden konnte.

Bannwälder gibt es in Baden-Württemberg seit fast 100 Jahren, auch an Einzelbobachtungen zu verschiedenen Tiergruppen mangelt es nicht; eine systematischere Bearbeitung wenigstens einiger wichtiger Indikatorgruppen (Vögel, Laufkäfer, Totholzkäfer) war jedoch erst mit dem Bannwald-Faunaprojekt in den Jahren 1994-1996 möglich, das von der Stiftung Naturschutzfonds, der Umweltforschung des Ministeriums Ländlicher Raum und mit Mitteln der FVA finanziert wurde. Seither konnten einige weitere Tiergruppen einbezogen sowie einige Spezialuntersuchungen angelegt werden.

Methoden und Untersuchungsgebiete

Untersuchungsprogramme und die Methoden sind in Tabelle 1 zusammengefasst. Sie wurden in Übereinstimmung mit den Empfehlungen der Arbeitsgruppe Fauna im Arbeitskreis Naturwälder ausgewählt.

Zielsetzung Methode Bestandesdaten
  • Totholz als
    - Bruthabitat
    - Nahrungshabitat von Vögeln
Artenliste, Kartierung und Belegung von Baumhöhlen, Brutvogeldichte, Revierkartierung, Nahrungssuche Totholzaufnahme (Masse, Lage, Baumart, Zersetzungsgrad) aus systematischen Probekreisen und/oder Gesamtaufnahmen
  • Besiedlung und Zersetzung von Totholz
    - Totholzpilze
    - Totholzkäfer
Handfänge, ergänzt durch Fallenfänge; im Labor: aus Totholz ausschlüpfende Käfer Bestandesstruktur: Anzahl, Baumartenverteilung, Lage im Raum, Brusthöhendurchmesser, Höhe, Schichtung, Masse aus Probekreisaufnahmen
  • Laufkäfer, Spinnentiere, Schnecken, kleine Säugetiere u.a. als Struktur- und Standortsindikatoren
Barberfallen, Handaufsammlungen, Lebendfallen Strauchschicht und Verjüngung: Anzahl, Artenverteilung, Deckung
Bodenvegetation: Arten, Verteilung, DeckungStandortsfeinkartierung
Tab. 1: Ziele und Methoden der Untersuchung, Strukturdaten des Bestands

Die Untersuchungen erfolgten im Schwerpunkt ursprünglich in sechs Bannwäldern und in ihnen zugeordneten Wirtschaftswaldvergleichsflächen (Abb. 1). Da im anfänglichen Flächenkonzept die östlichen Landesteile nicht berücksichtigt worden waren, werden seither weitere Bannwälder, insbesondere bezüglich der Holzkäferfauna beprobt, darunter auch Kalkbuchenwälder und zwei von "Lothar" geworfene Buchenwälder.

Faunistische Untersuchungen in baden-württembergischen Bannwäldern
 Abb. 1: Faunistische Untersuchungen in baden-württembergischen Bannwäldern

Struktur und Biodiversität

Baden-Württemberg ist ein durch die Höhenstufen, die Landschaftsformen, die Geologie und das Klima reich gegliedertes Land, wie z. B. die standortskundliche Regionale Gliederung aufzeigt. Die Bedeutung der Strukturvielfalt für die Arten-Biodiversität kommt in vielen Einzelergebnissen zum Ausdruck. Strukturen sind gleichbedeutend mit ökologischen Nischen, die spezialisierten Tiergruppen oder Tieren geeigneten Lebensraum anbieten können.

Ein wesentliches Merkmal der Bannwälder ist der höhere Totholzanteil, da Totholz verschiedener Dimensionen nicht aufgearbeitet wird. Daneben spielen alternde, kränkelnde, absterbende, aber auch verformte Stämme zusammen mit auf ihnen wachsenden Baumpilzen eine wichtige Rolle im Angebotsspektrum zusätzlicher Kleinbiotope. Das Belassen solcher Stämme im Wirtschaftsbestand ist allerdings auch ein schwer lösbares Problem unter dem Gesichtspunkt der Arbeitssicherheit; Bereiche um starke tote Bäume müssten bei der Waldarbeit ausgegrenzt werden. Dies schließt aber nicht aus, dass auch im Wirtschaftswald vorkommendes Totholz selbst in geringen Mengen Lebensraum für seltene Arten darstellt. Allerdings steigt der biologische Wert mit dem Alter, also der Dimension des Holzes und der Länge der ungestörten Zersetzungsphasen, die eben im Wirtschaftswald selten erreicht werden. Der Unterschied zwischen dem wirtschaftlich anzustrebenden Bestandesalter und dem potentiell möglichen Baumalter, das unsere bestandesbildenden Hauptbaumarten erreichen könnten, scheint ein Hauptproblem in der Umsetzung von "Totholz"-Zielen im Wirtschaftswald zu sein. Wir wissen inzwischen aus Zyklusuntersuchungen in mitteleuropäischen urwaldnahen Wäldern, dass die Gesamtphase des Buchenwaldes auf 250 Jahre geschätzt wird. Für Bergmischwälder wird eine noch wesentlich längere Turnover-Zeit angenommen, circa 600 Jahre, von der die daraus abgeleiteten Wirtschaftswälder nur etwa 30-40 % ausschöpfen.

Die in Tabelle 2 zusammengefassten Ergebnisse zeigen den in der Regel höheren Anteil an Arten, Rote-Liste-Arten und Baumpilzbewohnern in Bannwäldern im Vergleich zu Wirtschaftswaldbeständen. Ausnahmen von der Regel bilden die (hoch)montanen Nadelwaldgebiete, in denen die Wirtschaftswälder offensichtlich "nachhaltiger" besiedlungsfähige Substrate für eine Vielzahl von Totholzkäfern anbieten; im Bannwald erfolgt die Besiedlung "schlagartiger" und umfassender, da keine Sanierungshiebe den Ablauf verzögern. Nach dem Befall sind aber die abgestorbenen Bäume wenig attraktiv für weitere Käferarten, so dass dann die Artenzahlen zurückgehen.

Vergleiche zwischen Bannwald und Wirtschaftswald
 Tabelle 2: Vergleiche zwischen Bannwald und Wirtschaftswald


Nach "Wiebke" und "Lothar" wurde die Nichtaufarbeitung von Totholz auch unter faunistischen Gesichtspunkten diskutiert. Einige Spezialuntersuchungen machen besonders eindrücklich deutlich, welchen Einfluss verbleibendes Totholz auf bestimmte Tiergruppen haben kann (Tab. 3, 4). Es zeigt sich, dass die Artenzahlen und vor allem die Häufigkeiten der Schnecken und Kleinsäuger z.B. im nicht geräumten "Sturmwurf"-Bannwald Bechtaler Wald" mehrfach größer ist als auf der aufgeräumten Wirtschaftswaldfläche.

Kleine Säugetiere im "Bechtaler Wald" nach Sturmwurf
 Tabelle 3: Kleine Säugetiere im "Bechtaler Wald" nach Sturmwurf
Schnecken im Bannwald "Bechtaler Wald" vor und nach Sturmwurf
 Tabelle 4: Schnecken im Bannwald "Bechtaler Wald" vor und nach Sturmwurf

Nicht nur das Totholz, sondern auch Unterschiede der Bestandesstruktur sowohl in der vertikalen Schichtung als auch in der horizontalen Verteilung beeinflussen das Vorkommen von Tieren. Gute Indikatoren hierfür sind z.B. die Laufkäfer und die Vögel. Oft sind diese Strukturen nur schwer und mit hohem Aufwand zu messen; in solchen Fällen bieten sich dann wieder eher Bioindikatoren zur Situationsanalyse an. Sicherlich fördert die Anpassung der Baumartenzusammensetzung an die lokalen und kleinräumigen Standortverhältnisse das Vorkommen der standorttypischen Verteilungsmuster in den Vegetations- oder Standortskomplexen, wie sie im Bannwaldprogramm repräsentiert werden sollen. Ein besonders wichtiges Element stellt z.B. das Vorkommen des Efeus als Liane dar, das sogar zur Ansiedelung des sonst laubbaummeidenden Sommergoldhähnchens in Rheinauewäldern führt.

Bannwälder und naturnahe Wirtschaftswälder im Vergleich

Die faunistischen Untersuchungen in Bannwäldern bestätigen viele Ergebnisse faunistisch-ökologischer Grundlagenforschung in Wäldern. Sie erweitern unseren Kenntnisstand über die derzeitige Faunenzusammensetzung ausgewählter Tiergruppen und sind als standardisierte Methoden auch für längerfristiges Monitoring geeignet. Die Verknüpfung mit Bestandesstrukturaufnahmen der Forstlichen Grundaufnahme ermöglicht Interpretationen von Art- und Populationsschwankungen. In diesem Bereich bestehen noch große Wissensdefizite, zieht man die Heterogenität und geografische Vielfalt unserer Wälder in Betracht.
In Tabelle 5 sind ohne Anspruch auf Vollständigkeit wesentliche Strukturelemente des Naturwaldes, gegliedert nach verschiedenen Strukturebenen, aufgelistet und durch unterschiedliche Pfeilsignaturen mögliche Umsetzungen im Wirtschaftswald angedeutet.

Die Signatur „+“ zeigt dabei an, welche Maßnahmen einer Waldform vorbehalten bleiben, die Pfeile deuten mögliche struktur- und biodiversitätsverbessernde Maßnahmen in Wirtschaftswäldern an: je dicker der Pfeil, umso einfacher die Umsetzung.

Bannwald und Wirtschaftswald – Strukturen und Biodiversität
 Tab. 5: Bannwald und Wirtschaftswald – Strukturen und Biodiversität

Wesentliche Strukturkomponenten des Naturwaldes, die seine spezifische und meist höhere Artendiversität begründen, sind auch im Wirtschaftswald vorhanden oder können dort nachgeahmt oder durch ähnliche Strukturen ersetzt werden. Dafür hat sich im internationalen Sprachgebrauch der anschauliche Ausdruck "mimick" eingebürgert. Problematisch bleibt die kurze Lebensspanne des Wirtschaftswaldes im Vergleich zum Phasenzyklus der Naturwälder. Hier fehlen sehr alte Bäume und sehr starkes Totholz mit seinen Zersetzungsstadien in ausreichendem Umfang. Auch gibt es gravierende Unterschiede bezüglich der Altersstrukturen und der Zufallsverteilung von Strukturen, die sich auf das Artvorkommen und noch stärker auf die Häufigkeiten seltener Arten auswirken. Wichtig erscheint es, gerade diese Aspekte langfristig zu untersuchen und zu belegen, wobei das landesweite repräsentative Bannwaldprogramm die Flächen für ein solches Biomonitoring-Netz zur Verfügung stellt. Die bisherigen Untersuchungen sind Momentaufnahmen an wenigen Beispielen, die um weitere Artengruppen und Gebiete erweitert werden müssen. Standardisierte faunistische Untersuchungen, korreliert mit Bestandesstrukturaufnahmen in Bannwäldern, Schonwäldern und Wirtschaftswäldern sollten daher langfristig als faunistisches Biodiversitätsmonitoring durchgeführt werden.

Der Beitrag entstand unter Mitarbeit von  Ulrich Bense (Totholzkäfer), Frank Hohlfeld (Vögel), Reinhold Loch (Spinnentiere), Hendrik Turni (Kleine Säugetiere), Susanne Zhuber-Okrog (Schnecken) und Jürgen Trautner (Laufkäfer).

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Der Gesamtbeitrag (incl. ausführlichem Literaturverzeichnis, Hinweisen zur Forschungsmethodik und Informationen zu den Untersuchungsgebieten) kann als PDF-Datei (454 KB) heruntergeladen werden.

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