| Dokumentinformationen | ||
| Autor(en): | Anton Bürgi, Peter Brang | |
| Originalartikel: | Bürgi, A.; Brang, P., 2001: Das Klima ändert sich - Wie kann sich der Waldbau anpassen? - Wald Holz 82, 3: 43-46. | |
| Online-Version: | Stand: 01.11.2007 | |
| Redaktion: | WSL, CH | |
| Verfügbare Sprachen: |
Druckansicht
|
|
Klimaänderung: Wie kann sich der Waldbau anpassen?
|
|
Höhere Temperaturen, Trockenheit, Stürme: Wie kann sich der Waldbau an das sich verändernde Klima anpassen? Foto: P. Brang (WSL) |
|
|
Waldbau so... |
|
|
...oder so? Neben der Klimaveränderung gilt es auch andere Rahmenbedingungen zu berücksichtigen. Zum Beispiel die Nachfrage nach Produkten und Leistungen des Waldes, die technologische Entwicklung, die Betriebsstrukturen oder die Entwicklung von Preisen und Kosten in der Wald- und Holzwirtschaft. Fotos: U. Wasem, T. Reich (WSL) |
Waldbau dient dazu, die natürliche Waldentwicklung so zu lenken, dass der Wald die gesellschaftlichen Ansprüche optimal und dauerhaft erfüllt. Wer waldbaulich tätig ist, muss daher nicht nur beurteilen, wie sich der Wald entwickelt. Er muss auch abschätzen, wie sich die gesellschaftlichen Ansprüche entwickeln. Dabei ist Weitblick gefragt, denn viele waldbauliche Entscheidungen wirken sich während Jahrzehnten aus, zum Beispiel die Baumartenwahl bei der Verjüngung.
Werden die Holzsortimente, die in 100 Jahren als Folge unserer heutigen waldbaulichen Entscheide anfallen, dann gefragt sein? Sind in einem Jahrhundert Biodiversität oder Erholung noch wichtiger als heute? Diese Unsicherheiten sind erheblich; trotzdem müssen wir heute Entscheidungen fällen.
Viele Rahmenbedingungen beeinflussen den Waldbau: Solche biologischer Art, zum Beispiel die Standortseigenschaften und die heutige Baumartenzusammensetzung, solche gesellschaftlicher Art, zum Beispiel die Nachfrage nach Holz, Schutz vor Naturgefahren oder nach Wald als CO2-Senke, und solche betrieblich-technischer Art, so die Holzerntetechnik. Diese Beispiele zeigen deutlich: Der Waldbau darf nicht einseitig auf die Klimaänderung massgeschneidert werden. Ist die Klimaänderung überhaupt entscheidend für den Waldbau?
Die Rahmenbedingungen im Schweizer Wald 2050 - ein Szenario
- Durchschnittstemperaturen um 1,5 °C höher als 2000, Wassermangel im Sommer immer häufiger
- Sturmhäufigkeit und -stärke unverändert
- Holzvorrat bei 450 m3/ha
- Fichtenanteil nur noch 30%, als Folge waldbaulicher Eingriffe und von Störungen
- Zwangsnutzungsanteil bei 50%
- Stickstoffeinträge in die Waldböden überschreiten die kritischen Eintragsraten immer noch, verstärkte Nährstoffungleichgewichte (vor allem auf sauren Böden)
- Holzverbrauch bei 12 Millionen m3 jährlich
- Holzernte hoch mechanisiert
Wie weit das oben beschriebene Szenario der Rahmenbedingungen im Jahr 2050 eintreffen wird, weiss heute niemand. Die Unsicherheit ist erheblich, vor allem bei der Beurteilung von Extremereignissen. Wie kann der Waldbau damit umgehen?
These 1: Baumarten- und Strukturvielfalt erhöhen
Der grossen Unsicherheit bei der Entwicklung der Rahmenbedingungen können wir mit dem Handlungsprinzip der Risikoverteilung begegnen: Die Vielfalt der Baumarten und der Bestandesstrukturen ist zu erhöhen. Im Waldbau heisst das:
- Auf Mischbestände mit mehreren standortgerechten Baumarten setzen (möglichst angepasst an einige Bedingungen von morgen), Baumartenvielfalt fördern
- Anwendung mehrerer Hiebsarten bei der Verjüngung (vielen Baumarten eine Chance zur Ansamung geben, vielfältige Habitate für Flora und Fauna schaffen)
- Vielfältige Bestandesstrukturen mit inneren Waldrändern (Resistenz gegenüber Sturm und Borkenkäfer wird erhöht und die Vorverjüngung gefördert)
- Wälder mit hoher Baumartenvielfalt lassen sich auch einer geänderten Nachfrage am ehesten anpassen (Holzsortimente, andere Waldprodukte, Erholung)
These 2: In Wäldern mit Produktions- und Schutzfunktion die Vorräte senken*
Hohe Vorräte stellen zwar Kapital dar. Es handelt sich allerdings um Risikokapital, denn der nächste Sturm kommt bestimmt. Im Waldbau heisst das:
- Verstärkte Verjüngungstätigkeit
- Keine destabilisierenden Durchforstungen
Eine Vorratssenkung hätte weitere Vorteile: Naturschutzanliegen nach lichteren Wäldern können teilweise erfüllt werden; CO2 wird vorübergehend gebunden, sofern das Holz dem Kohlenstoffkreislauf entzogen d.h. verbaut wird (auch wenn noch nicht anrechenbar!); bei tieferen Vorräten sind die Schutzwälder verjüngungsreicher und bei zielgerichteter Behandlung auch sturmresistenter. Gegen eine Erhöhung der Holznutzung sprechen nur die zurzeit tiefen Holzpreise.
These 3: Flächendeckend die Prinzipien der "Minimalen Pflege" anwenden
Für Wälder mit Schutzfunktion wurden die "Minimalen Pflegemassnahmen" entwickelt: Wenn sich ein Bestand von selbst in die gewünschte Richtung entwickelt, erübrigen sich Eingriffe. Dieser Grundsatz muss sich flächendeckend durchsetzen. So wird die Waldbewirtschaftung kostengünstiger. Alle Eingriffe müssen a) nachweislich wirksam und b) kosteneffizient sein!
These 4: Grössere Betriebseinheiten schaffen
- Grössere Forstbetriebe können ökonomischer wirtschaften
- Sie können ökologische und ökonomische Risiken besser tragen, weil sie bezüglich Standorten, Baumarten, Alters- und Sortimentsstruktur vielfältiger sind
- Grössere Betriebe können neue, meist teure Technologien wirtschaftlicher einsetzen
These 5: Ein wirksames Controlling waldbaulicher Massnahmen aufbauen
Die Wirksamkeit waldbaulicher Eingriffe ist oft nur qualitativ bekannt. Oft fehlen eindeutige Belege. Die Praxis muss daher vermehrt waldbauliche Eingriffe als gezielte, einfache Experimente anlegen: Bei vergleichbaren Ausgangsbedingungen unterschiedliche Behandlungen durchführen und gut dokumentieren, und den Erfolg nach 5, 10, 20, 50 Jahren beurteilen.
These 6: Bewirtschaftungsziele unter Einbezug der Interessengruppen festlegen
- Die Nachfrage nach Produkten und Leistungen des Waldes nimmt generell zu. Damit verschärfen sich Nutzungskonflikte.
- Alle Waldfunktionen auf derselben Fläche zu erfüllen ist meist nicht möglich. Die Prioritäten sind differenziert zu setzen
- Erfolgreiche Waldbewirtschaftung muss von weiten Kreisen der Bevölkerung unterstützt werden, insbesondere wenn die obigen fünf Thesen umgesetzt werden sollen.
Schlussfolgerungen
*Senkung der Vorräte: Ein Vorschlag
1. Die Senkung wird auf 2/3 der Schweizer Waldfläche angestrebt. Ausgenommen sind Reservate und schlecht zugängliche Wälder
2. Zielvorräte von 250 m3/ha für Dauerwald tiefer Lagen mit einem grossen Anteil lichtbedürftiger Baumarten, von 450 m3/ha für montane Plenterwälder und von 250 bis 350 m3/ha für Wälder, die im klassischen Femelschlagbetrieb bewirtschaftet werden
3. Zuwachsnutzung und gleichzeitige Reduktion der Vorräte innert 20 Jahren auf durchschnittlich 300 m3/ha bedeutet eine jährliche Nutzung von 10 Millionen m3 Holz
4. Dies geht nur über Erschliessung neuer Märkte. Daher wird ein Teil der Wälder in Stockausschlagwälder für Energieholzproduktion umgewandelt
Zur Erinnerung: Von der Holzmenge, die Lothar und Martin geworfen haben, kamen ca. 13 Millionen m3 auf den Markt. Diese Menge führte bereits zu fast unlösbaren logistischen Problemen und zu stark gedrückten Preisen.
Als Folge der Klimaänderung könnten im Schweizer Wald Trockenperioden, Sturmschäden und Borkenkäferkalamitäten vermehrt auftreten. Darauf muss sich der Waldbau einstellen. Dagegen scheint die Zunahme der durchschnittlichen Lufttemperatur an sich nicht bestimmend für die Waldentwicklung in der Schweiz zu sein. Diese Erwärmung dürften die meisten Wälder ertragen, ohne dass sich die Baumartenzusammensetzung kurzfristig ändert.
Waldbau darf sich aber nicht einseitig nur an die Klimaänderung anpassen. Andere Rahmenbedingungen sind ähnlich wichtig, so die Nachfrage nach Produkten und Leistungen des Waldes, die technologische Entwicklung, die Betriebsstrukturen und die Entwicklung von Preisen und Kosten in der Wald- und Holzwirtschaft. Angesichts der grossen Unsicherheit bei den zukünftigen Rahmenbedingungen ist Vielfalt bei Baumarten und Bestandesstrukturen gefragt. Um Zwangsnutzungen wie bei den Sturmschäden der letzten Jahrzehnte zu vermindern bzw. deren Folgen zu lindern, sollten wir im Weiteren die Holzvorräte und damit das Schadenpotenzial im Schweizer Wald senken, seine Widerstandsfähigkeit gegen Sturm erhöhen und die Vorverjüngung fördern, letzteres vor allem im Gebirgswald.
Download
- Der Originalartikel ist als PDF-Datei verfügbar (444 KB).
Links
- Wälder jetzt an den Klimawandel anpassen
- Klimawandel und Veränderungen an der alpinen Waldgrenze
- Klimaerwärmung regt Aktivität der Bodenorganismen an
- Klimawandel und Auswirkungen auf die Forstwirtschaft
- Der Wald in der Klimapolitik
- Wald im Klimawandel: Einzelne Veränderungen heute bereits nachweisbar
- Die Klimaveränderung bedroht die Föhrenwälder im Wallis
- Mehr Misteln wegen der Klimaerwärmung?
Kontakt
Anton Bürgi
Eidg. Forschungsanstalt WSL
Programm Waldnutzung
Zürcherstrasse 111
CH - 8903 BirmensdorfTel: +41 44 739 22 41
Fax: +41 44 739 22 15
Peter Brang
Eidg. Forschungsanstalt WSL
Multifunktionale Waldwirtschaft
Zürcherstrasse 111
CH - 8903 BirmensdorfTel: +41 44 739 24 86
Fax: +41 44 739 22 15
- Wie beurteilen Sie diesen Beitrag?
| sehr interessant interessant weniger interessant nicht interessant |
Durchschnittliche Bewertung dieses Beitrags:
29 Bewertung(en)
|


