| Dokumentinformationen | ||
| Autor(en): | Hansjakob Baumgartner | |
| Originalartikel: | Baumgartner, H.-J., 2006: In Erwartung der Nachfolger von JJ2. UMWELT 1/2006: 51-54. ISSN 1424-7186 | |
| Online-Version: | Stand: 11.04.2006 | |
| Redaktion: | WSL, CH | |
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Nach 100 Jahren wieder Bären in der Schweiz
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Abb. 1 - Hält sich Meister Petz bald regelmässig in der Schweiz auf? Foto: U. Wasem (WSL) |
Der Bär, der im vergangenen Sommer im Münstertal GR aufkreuzte und sich danach im Unterengadin den Ruf eines Lümmels mit Appetit auf Schaffleisch holte, hat sich - falls er noch lebt - im Herbst in eine Höhle verkrochen. Letztmals auf Schweizer Boden gesichtet wurde JJ2, wie der Petz nach seinen Eltern Jurka und Jozé korrekt heisst, Ende September. Das war kurz nach dem Abzug der Schafe von der Alp Russenna, wo er in den Tagen zuvor über ein Dutzend Tiere gerissen hatte. Danach verhielt er sich diskret und wechselte über die italienische Grenze ins Südtirol, wo sich seine Spuren im Oktober verloren. Ob er oder einer seiner Artgenossen in diesem Jahr wieder auftaucht?
Er wird nicht der Letzte sein
Gewiss ist: JJ2 wird nicht der letzte Bär bleiben, der bei uns einwandert - zu nahe ist das Trentiner Vorkommen (siehe Kasten "Bären in den Alpen"). Zeit also, um die jetzige Ruhe für eine sachliche Diskussion über ein künftiges Zusammenleben mit dem Bären zu nutzen: Der Entwurf für das Managementkonzept Braunbär, den das Bundesamt für Umwelt (BAFU) zusammen mit der Arbeitsgruppe Grossraubtiere erarbeitet hat, ist derzeit in der Vernehmlassung. Es ist das dritte derartige Papier, das den Umgang mit einem einst ausgerotteten und heute zurückgekehrten Raubtier regelt. Für den Luchs und den Wolf sind solche Konzepte bereits in Kraft. Das Ziel ist, die Erhaltung der betreffenden Arten im Alpenraum sicherzustellen, die unausweichlichen Konflikte und Kosten aber im Rahmen zu halten.
Luchs: Beutekonkurrenten versöhnen
Der ab 1971 wieder angesiedelte Luchs hat sich in Teilen der Alpen und im Jura etabliert: Etwas mehr als hundert Luchse leben zurzeit in der Schweiz. Gelegentlich holt sich einer ein Schaf oder eine Ziege, 2005 waren es 36 (Stand Mitte Dezember). Nach einer Phase erhöhter Schäden - mit einem Maximum von 234 gerissenen Tieren im Jahr 2000 - ist diesbezüglich wieder Normalität eingekehrt. Für die Kleinviehhaltung ist der Luchs kein echtes Problem. Treibt es einer zu bunt, wird nach definierten Kriterien eine Abschussbewilligung erteilt.
Weil der Luchs sich von Rehen und Gämsen ernährt, ist er für den Jäger ein Konkurrent. In normalen Jahren hat es durchaus genug Wild für beide, doch in Hochstandsphasen einer Luchspopulation, wie Ende der 1990er- Jahre in den Nordwestalpen, kann es vorkommen, dass "Reh- und Gämsbestände lokal spürbar stark reduziert" werden, wie es im Luchskonzept heisst. In solchen Fällen besteht die Option, in eine Population einzugreifen, am besten durch Einfänge. 2001 und 2003 wurde dies bei der Umsiedlung von Luchsen aus den Nordwestalpen und dem Jura in die Nordostschweiz umgesetzt.
Wolf: Schafe schützen
Beim Wolf begann das Comeback vor dreissig Jahren, als die im Apennin (Italien) ansässige Population ihren Tiefpunkt überwunden hatte. Dank Schutz und stark gewachsener Bestände wilder Beutetiere breitet sich die Art wieder aus. Gegenwärtig leben 500 bis 700 Wölfe in Italien und 80 bis 100 in Frankreich. Mindestens zwölf Tiere sind bis heute in die Schweiz eingewandert. Die paar wenigen Wölfe rissen seit 1998 mehr als 500 Schafe und Ziegen. Ein einzelnes Tier kann in einer unbewachten Herde massive Schäden anrichten. Das Wolfskonzept ist denn auch schwerpunktmässig ein Konzept der Schadensverhütung. Andererseits kann nach dem 35. getöteten Schaf - beziehungsweise nach dem 25., wenn innerhalb eines Monats - eine Abschussbewilligung erteilt werden. Seit 1995 wurden in der Schweiz vier Wölfe legal geschossen.
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Abb. 2
- Warm-up nach dem Winterschlaf: Nach dem Aufwachen vergnügte sich ein
Österreicher Bär mit ein paar Rutschpartien auf dem Hinterteil im alten
Frühlingsschnee. Foto: Georg Rauer |
Abb. 3 - Aufwärts gehts zu Fuss. Foto: Georg Rauer |
Bär: Unfälle verhüten
Auch der Bär kann erhebliche Schäden verursachen, namentlich an Kleinvieh - wie gehabt im Unterengadin. Hingegen haben die Jäger mit ihm kein Problem: Wilde Huftiere sind dem Petz zu flink, er ernährt sich vorwiegend vegetarisch. Noch ist die Bärenpopulation im Alpenraum äusserst fragil - weit mehr, als dies bei Wolf und Luchs der Fall ist. Als weiterer wesentlicher Unterschied kommt hinzu: Im Gegensatz zu den beiden anderen Grossraubtieren kann der Bär dem Menschen selbst gefährlich werden. Unfälle sind zwar äusserst selten, müssen aber unbedingt vermieden werden. "Menschenschutz geht vor Bärenschutz", sagt Reinhard Schnidrig, Leiter der Sektion Jagd, Wildtiere und Waldbiodiversität im Bundesamt für Umwelt BAFU. "Ein Risikobär wird geschossen." Allgemein gilt es zu vermeiden, dass sich Bär und Mensch zu nahe kommen.
Hingegen ist Appetit auf Schafe derzeit sicher kein Grund, einen Bären abzuschiessen. Schäden an Nutztieren sollen vergütet und wenn möglich verhütet werden. Das Prozedere für die Entschädigung ist, dank Luchs und Wolf, eingespielt, und auch was die Verhütungsmassnahmen betrifft, hat der Wolf vorgespurt: Die Schutzmassnahmen - Hirt, Hund, Elektrozaun - sind dieselben. Sie werden von der landwirtschaftlichen Beratungsstelle AGRIDEA (ehemals Service romand de vulgarisation agricole SRVA) koordiniert und im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten vom BAFU gefördert.
Auftrag zum Bärenfang
Wann wird ein Bär zum Risiko? In Österreich wurde ein Schema zur Situationsbeurteilung entwickelt (Abb. 4). Bei JJ2 wären demnach noch keine Massnahmen nötig. Dennoch haben sich die Schweiz, Österreich und Italien geeinigt, ihn einzufangen und mit einem Sender zu markieren. Dies aus ganz handfesten Gründen: Dreiste Bären sollen vergrämt werden. Das erfordert aber, dass stets bekannt ist, wo sich das Tier aufhält. Nur so ist die Eingriffequipe zur rechten Zeit am rechten Ort, um ihm mit einer Ladung Gummischrot oder etwas anderem, das schmerzt, aber nicht verletzt, einen bleibenden Schrecken vor Menschen einzujagen. Dass ein besendeter Bär auch Einsichten in die Bärenbiologie ermöglicht, ist ein positiver Nebeneffekt.
Vergrämungsmassnahmen sind auch so noch schwierig genug. Eine Lehre sind sie für den Bären zwar stets, doch oft zieht er die falschen Schlüsse: etwa, dass der Mann mit der Gummischrotflinte gefährlich ist, andere Menschen aber nicht. Oder der Bär verbindet die negative Erfahrung mit einem bestimmten Ort, nicht aber mit Menschengeruch generell. Sollte JJ2 im kommenden Frühling wieder auftauchen, wird man ihn zu fangen versuchen und bei Erfolg mit einem Sender ausrüsten. Zurzeit läuft die Ausbildung der Wildhüter und Parkwächter, und auch die Beschaffung von Material für allfällige Vergrämungsaktionen hat begonnen.
Handlungsbedarf besteht auch auf menschlicher Seite. Schon Jurka, die Mutter von JJ2, ist eine auffällige Bärin, die zwar bisher noch nie aggressiv war, aber öfters von nahe gesehen wurde, sich ungeniert nachts in Dörfern herumtrieb und dort Hühner- und Kaninchenställe heimsuchte. Sie hat ihre Menschenscheu verloren, weil jemand die Bärin für ein tolles Foto mit wiederholter Fütterung vor die Kamera lockte.
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| Abb. 4 - Wenn Bären die Scheu vor dem Menschen verlieren, sind Massnahmen gefordert: Schema zur Situationsbeurteilung aus dem Entwurf für den österreichischen Managementplan |
Wie häufig sind Bärenangriffe?
Gemäss einer Literaturrecherche sowie der Befragung von Fachleuten durch skandinavische Biologen kam es zwischen 1900 und 2000 in ganz Europa zu insgesamt 36 tödlichen Bärenangriffen auf Menschen. Allein 24 ereigneten sich in Rumänien während der Herrschaft von Nicolae Ceaucescu. Der Diktator war vom Ehrgeiz besessen, als grösster Bärenjäger aller Zeiten in die Geschichte einzugehen, was ihm - rein quantitativ betrachtet - vermutlich gelungen ist. Sein Waidmannsheil war indessen nur möglich, weil die Bären des Landes zu Höchstbeständen herangezüchtet und gefüttert worden waren. Zudem erfolgten Aussetzungen von Zootieren. Damit wurden gefährliche Begegnungen zwischen Mensch und Bär regelrecht provoziert.
In Westeuropa gab es im 20. Jahrhundert keinen einzigen Todesfall. In der Ausrottungsgeschichte des Bären in der Schweiz, für welche 718 Nachweise aus der Zeit von 1342 bis 1923 ausgewertet wurden, ist ein einziger tödlicher Angriff überliefert. Das Opfer hatte den Bären mit einem Gewehrschuss verletzt. Zu kritischen Situationen kann es im Wesentlichen unter drei Voraussetzungen kommen:
- Ein Bär wird von einem Jäger angeschossen.
- Ein Mensch begegnet unvermittelt einer Bärin mit Jungen.
- Ein Bär wird beim Fressen an einem Kadaver gestört. Auch dabei handelt es sich oft um einen Jagdunfall: Der Jäger hat ein Wildtier erlegt, dieses aber nicht sofort gefunden. Bei der Nachsuche trifft er dann auf einen Bären, der dank seiner feinen Nase der Schnellere war.
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Bären in den Alpen In Slowenien leben heute nach Angaben slowenischer Wildtierbiologen um die 500 Bären, in Kroatien sind es 400. Von hier aus erfolgt die Wiederbesiedlung der Alpen - teils durch natürliche Einwanderung, teils durch künstliche Umsiedlung. In Österreich begann sie 1972, als ein männlicher Petz einwanderte. Drei Tiere wurden Anfang der 1990er-Jahre ausgesetzt. Heute liegt der Bestand bei 15 bis 20 Bären. In letzter Zeit schien er zu stagnieren, seit 2003 erfolgte kein Fortpflanzungsnachweis mehr. Im Trentino Italiens, dem Herkunftsgebiet von JJ2, leben gegenwärtig 18 bis 20 Individuen. Der Bestand geht zurück auf sieben Weibchen und drei Männchen aus Slowenien, die zwischen 1999 und 2002 ausgesetzt wurden. Im Trentino lebten Ende des 20. Jahrhunderts die letzten ursprünglichen Bären der Alpen, von denen sich aber wahrscheinlich keiner mehr mit einem umgesiedelten Tier paaren konnte. Weitere Aussetzungen sind vorläufig nicht geplant. Allerdings bleiben sowohl die österreichische wie auch die Trentiner Population auf Zuzug angewiesen. Ohne Verstärkung durch natürliche Einwanderer werden sie sich auf die Dauer nicht halten können. Doch die Reise von den Bärenwäldern Sloweniens und Kroatiens in die Alpen ist gefährlich. Manche Bären werden in den nördlichen Teilen Sloweniens, wo sie weniger strikt geschützt sind als in den Kerngebieten, geschossen, andere verunfallen beim Queren von Strassen und Schienen. |
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- Der Originalartikel ist als PDF-Datei verfügbar (140 KB).
Links
- Konzept zum Umgang mit Bären in der Schweiz
- Der Braunbär in Österreich
- Die Bedeutung der Raubtiere in der Mythologie
- Luchse: Zurück in der Ostschweiz
- Luchsumsiedlung: Überleben der Ostschweizer Luchspopulation unsicher
- Die Einstellung der Schweizer Bevölkerung zum Wolf
- Akzeptanz des Luchses im Simmental
- Kontakt
- Reinhard Schnidrig
Sektionschef Jagd, Wildtiere und Waldbiodiversität
Bundesamt für Umwelt BAFU
CH-3003 Bern
Tel. +41 31 323 03 07
reinhard.schnidrig @ buwal.admin.ch
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| 22.04.2008 | Verfasser Lumi |
| Rumänische Impressionen | |
| Hallo, vielen Dank für den interessanten Beitrag. Aufgrund zahlreicher Wanderurlaube in den Rum. Karpaten und Gesprächen mit den Bewohnern dieses Landes zum Thema "Bär" hat sich bei mir folgender Eindruck verfestigt : Rumänen vom Land wie aus der Stadt weisen gegenüber dem Bären eine wesentlich grössere Toleranz auf, als dies uns aus Westeuropa bekannt ist: Es beginnt schon in der Schule; der Bär ("Mosch Martin") wird gegenüber den Kindern als ein ggü dem Menschen gleichberechtigter Teil der Natur dargestellt; Ihm gehört der Wald in der Nacht, der Mensch hat zu dieser Zeit nichts in seinem Revier zu suchen. Obwohl dieses Land sicherlich die meisten einschlägigen tödlichen Unfälle zu verzeichnen hatte kam es in Folge nie zu Progromen. Hirten denen wir begegneten schützten ihre Schafherden mit einer Gruppe von Hunden aber waren immer unbewaffnet. Die ländlichen Siedlungen verfügen über eine Unzahl von Hofhunden die bei Annäherung des Bären sofort melden und den Bären stören. Alle Menschen, denen wir begegneten sahen den Bären als integralen Bstandteil der Natur; ein fremder Nachbar eben dem man nicht zu nahe kommen sollte. Der Betreiber einer Skihütte räumte mit Lachen freimütig ein, daß er im Frühjahr alle Türen offen lässt um schneller flüchten zu können, wenn mal wieder eine aufgewachte Bärin mit Jungen den direkten Weg durch das Fenster zu den in Plastiktüten verpackten Süssigkeiten wählt. Wir sind abends in Poiana Brasov einer kapitalen Bärin mit 4 Kindern begegnet, die sich von Balkonfenstern anfüttern liess, eine Scheinattacke gegenüber einem frechen englischen Touristen startete und danach sich geräuschvoll mit den Müllcontainern der Feriensiedlung beschäftigte. Ansonsten schien sie eine sehr diskrete Dame zu sein, denn trotz zahlreicher abendlicher Spaziergänger erschien und verschwand sie unvermittelt. Bei unseren Wanderungen wussten wir immer, uns in der Natur zu benehmen und hatten daher trotz häufiger Sichtung von Fährten nie gefährliche Begegnungen. In den letzen Jahren hat sich aber in Rumänien aufgrund steigenden Wohlstandes und verstärkten touristischen Eindringens in die Refugien die Häufigket gefährlicher Begegnungen erhöht. Ausnahmlos schuld hieran waren Menschen, die nicht gelernt haben sich adequat in der Natur aufzuhalten und zu bewegen. Ein Bärenprojekt muss also vorrangig nicht nur die Menschen mental für den Bären gewinnen sondern auch schulen, sich Ihm gegenüber artgerecht und opportun zu verhalten; hierzu gibt es genügend detaillierte Vorlagen. Schweizer und Deutsche "Entscheider" könnten sich da viele Lehren in Rumänien holen wenn sie wirklich in Form einer Wiederansiedlung des Bären den Schutz der Natur betreiben wollen; Ob dies gegenüber einem Volk durchgesetzt werden kann dem man in Europa nachsagt von Gott Geld für Milch zu verlangen steht dahin. Oesterreicher und Italiener und -last not least Rumänen- sind da schon viel weiter. PS: Interessanterweise verfügt der Wolf im Rumänischen Gedächtnis nicht über den gleichen Respekt und insgeheime Zuneigung wie der Wolf; der Wolf wurde in der Landbevölkerung immer als potentielle Bedrohung angesehen dem man u.a. jederzeit zutraute, in unbewachten Moment die Kleinkinder vom Hof zu stehlen. |
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