| Dokumentinformationen | ||
| Autor(en): | Rudolf Suchant und Veronika Braunisch | |
| Originalartikel: | Suchant Rudolf, Braunisch Veronika (2008): Rahmenbedingungen und Handlungsfelder für den Aktionsplan Auerhuhn – Grundlagen für ein integratives Konzept zum Erhalt einer überlebensfähigen Auerhuhnpopulation im Schwarzwald. Broschüre, Hrsg. FVA Freiburg, ARG Baden-Württemberg. | |
| Online-Version: | Stand: 21.07.2010 | |
| Redaktion: | FVA, D | |
| Verfügbare Sprachen: |
Druckansicht
|
|
Aktionsplan Auerhuhn Schwarzwald
|
|
| Abb. 1: Balzender Auerhahn. (Foto: E. Marek) |
|
|
| Abb. 2: Anzahl balzender Auerhähne von 1880 bis 1971. |
Das Auerhuhn (Tetrao
urogallus) ist eine Charakterart lichter,
strukturreicher borealer und montaner Waldlebensräume. Aufgrund seiner großen
Raum- und spezifischen Habitatansprüche gilt es als Schirmart für die
hochmontane Artengemeinschaft. Seine akute Gefährdung in Zentraleuropa machten
es zu einer Zielart der Europäischen Vogelschutzrichtlinie. Doch auch aufgrund
seiner historischen und kulturellen Bedeutung steht das Auerhuhn im Fokus der
Öffentlichkeit. Nicht nur unter Naturschutzaspekten, sondern auch aus
soziokultureller und sozioökonomischer Sicht spielt die Art daher eine zentrale
Rolle in der Naturschutz- und Raumplanung.
Während die Waldgebiete im borealen Nadelwaldgürtel Eurasiens fast zusammenhängend vom Auerhuhn besiedelt sind, sind die Auerhuhnpopulationen in Zentraleuropa klein und isoliert und weisen rückläufige Bestandestrends auf.
Die Verbreitung des Auerhuhns im Schwarzwald
Der Schwarzwald beheimatet die größte
Auerhuhnpopulation Zentraleuropas außerhalb des Alpenraums. Sie ist isoliert
von anderen europäischen Verbreitungsgebieten. Im 16. Jahrhundert waren in
Baden-Württemberg auch Vorkommen am Bodensee, im Schönbuch und auf der Schwäbischen
Alb bekannt. Während diese Vorkommen in den folgenden Jahrhunderten erloschen,
stieg im Schwarzwald die Population, insbesondere zwischen 1890 und 1920,
deutlich an. Abb. 2 zeigt die geschätzte Bestandesentwicklung von 1880 bis 1971.
Demnach ist seit 1936 bis 1971 ein beständiger Rückgang in der Populationsgröße zu verzeichnen – gekoppelt mit dem Verlust von großen Lebensraumflächen. Seit 1971 wird die Zahl balzender Hähne systematisch durch die Auerwildhegegemeinschaft und –hegeringe erfasst, die jährlich Balzplatzzählungen durchführen und diese durch verfügbare Daten von Förstern, Jägern und Ornithologen ergänzen. Nach diesen Zahlen lag der Auerhahnbestand zwischen 1971 und 1993 ungefähr bei ca. 500 Auerhähnen.
Monitoring der FVA
Seit 1993 führt die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt ein kontinuierliches Monitoring der beiden Raufußhuhnarten Auerhuhn (Tetrao urogallus) und Haselhuhn (Bonasa bonasia) im Schwarzwald durch. Hierbei werden Nachweise aus allen verfügbaren Datenquellen zusammengeführt. Eine systematische Methodik der Datenaufnahme und Datenhaltung ermöglicht eine räumliche Darstellung, sowie die Auswertung der Daten unter Berücksichtigung der erfassungsbedingten Unterschiede bezüglich Datenqualität, -sicherheit und -genauigkeit (siehe auch www.wildtiermonitoring.de). Auf der Basis der vorliegenden Nachweisdaten werden im 5-Jahres-Turnus (1993, 1998, 2003, 2008...) die Verbreitungsgebiete des Auerhuhns kartografisch abgegrenzt, sowie die Lage der Auerhuhnbalzplätze mit der Zahl der balzenden Hähne erfasst.
Ergebnisse
Im Zeitraum zwischen 1993 bis 2003 war im gesamten Schwarzwald eine deutliche Abnahme der vom Auerhuhn besiedelten Flächen zu verzeichnen. Auch die Zahl der Balzplätze und die Zahl der balzenden Hähne gingen zurück, wobei jedoch deutliche regionale Unterschiede zwischen Nord-, Süd- und Ostschwarzwald bestanden. Während sich die Bestände im Nordschwarzwald erholten und in den letzten Jahren (2003-2007) sogar leicht zunahmen, gehen die Auerhuhnzahlen im Ostschwarzwald und in Teilgebieten des Südschwarzwaldes seit Jahrzehnten kontinuierlich zurück (Abb. 3).
|
|
|
Abb. 3: Bestandsentwicklung des Auerhuhns im Schwarzwald, dargestellt für die Regierungsbezirke Karlsruhe (Nordschwarzwald) und Freiburg (Südschwarzwald). |
Was muss getan werden?
Untersuchungen der letzten Jahre haben gezeigt:
- Eine langfristig überlebensfähige Auerhuhnpopulation benötigt im Schwarzwald eine Fläche von ca. 50 000 Hektar.
- Teilpopulationen müssen miteinander im Austausch stehen. Auch unbesiedelte Flächen, die als Trittsteinbiotope zwischen den Verbreitungsinseln liegen, können daher von großer Bedeutung für die Population sein.
Wir handeln - Gute Beispiele aus der betrieblichen Praxis
Ideensammlung zur Umsetzung des Aktionsplan Auerhuhn
Bitte teilen Sie uns Ihre Vorschläge und/oder bereits erfolgreich praktizierte Maßnahmen zur Erhaltung einer überlebensfähigen Auerhuhnpopulation mit. Wir werden sie dann im Artikel von Zeit zu Zeit veröffentlichen. Die Beispiele sollen dem Praktiker auf der Fläche Anregungen geben, wie die Umsetzung des Aktionsplans Auerhuhn sinnvoll und ohne große zusätzliche Belastung vorangetrieben werden kann.
Hier geht’s zum Formular:
"Ideensammlung zur Umsetzung des Aktionsplan Auerhuhn"
Damit liegt auf der Hand: eine solch große Fläche kann in einem dicht besiedelten und vielfach genutzten mitteleuropäischen Mittelgebirge nicht allein mit der Zielrichtung "Auerhuhn" gepflegt werden.
Vielmehr müssen Naturschutzziele und die verschiedenen Nutzungen des Schwarzwaldes (Waldwirtschaft, Tourismus, Jagd, Infrastrukturplanung, Energiegewinnung u. a.) in ein Konzept integriert werden, das die Nutzungen weiterhin ermöglicht ohne die Zielsetzung des Auerhuhnschutzes zu gefährden, sondern diese im günstigen Fall sogar zu unterstützen.
Dazu sollten, neben waldwirtschaftlichen Maßnahmen, folgende integrative Ziele verfolgt werden:
- Räumliche Konzepte für die touristische Nutzung und die Vermeidung von Störungen
- Jagdliche Strategien zur Prädatorenbejagung
- Einheitliche Kriterien für Infrastrukturplanung
- Ansätze zur Förderung der Akzeptanz des Schutzkonzeptes in der Bevölkerung
Der Aktionsplan Auerhuhn
Nur mit einem solchen, integrativen Ansatz kann
erreicht werden, dass die Erhaltung des Auerhuhns im Schwarzwald ein Ziel ist,
mit dem sich die verschiedenen Nutzergruppen identifizieren und zu dem sie
aktiv ihren jeweiligen Beitrag leisten.
Zum Schutz des Auerhuhns und dem Erhalt
der Lebensraumfunktionen für die hochmontane Artengemeinschaft im Schwarzwald
wurden bisher zahlreiche Forschungs- und Umsetzungsprojekte durchgeführt. Die
Koordination der Aktivitäten erfolgte in der Arbeitsgruppe Raufußhühner (AGR) unter der Leitung der Forstlichen Versuchs- und
Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA).
Ende 2006 wurde vom Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum Baden-Württemberg (MLR) an die FVA der Auftrag erteilt, auf Grundlage dieser Arbeiten und des derzeitigen Forschungsstands die notwendigen Maßnahmen zugunsten des Auerhuhns zusammenzufassen und als Grundlage für einen "Aktionsplan Auerhuhn im Schwarzwald" aufzuarbeiten.
Zielsetzung und Zeithorizont
|
|
|
Abb. 4: Auerhuhnverbreitung im Schwarzwald, Stand: Kartierung 2003. (Für die Gesamtansicht der Karte bitte anklicken) |
Ziel des Aktionsplans ist der Erhalt einer überlebensfähigen, ausreichend vernetzten Auerhuhnpopulation im Schwarzwald. Dies beinhaltet:
- Die derzeitige Populationsstärke von mindestens 600 Individuen (Stand: 2007) wird angehoben, zumindest jedoch erhalten.
- Die Verkleinerung der besiedelten Fläche (rund 51 000 ha, Stand: 2003) wird gestoppt (vgl. Abb. 4). Ziel ist eine Ausdehnung der besiedelten Fläche in benachbarte Potentialgebiete.
- Die einzelnen Teilgebiete (Nord-, Süd- Mitte- und Ostschwarzwald) werden ausreichend vernetzt, so dass ein Individuenaustausch/Genaustausch möglich ist.
Der Aktionsplan tritt 2008 in Kraft und gilt zunächst über einen Zeitraum von 25 Jahren bis 2033. Nach 10 Jahren (2018) ist eine umfangreiche Evaluation und die Überprüfung der Zielerreichung anhand der in den "Handlungsfeldern" (siehe Broschüre ab Seite 25) genannten Indikatoren vorgesehen. Gegebenenfalls ist eine Anpassung der Ziele und Maßnahmen des Aktionsplanes auf Grundlage der Ergebnisse sowie auf der Basis neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse vorzunehmen.
Zusammenfassung der Broschüre
Eine Darstellung der
hierfür gegebenen Rahmenbedingungen sowie der notwendigen Handlungsfelder wurde von der FVA in
Form einer Broschüre erstellt. Die gesamte Broschüre sowie den Maßnahmenplan 2008 bis 2018 können Sie am Ende des Artikels kostenlos als PDF-Dateien herunterladen.
Die Broschüre beinhaltet:
- Eine flächenkonkrete Abgrenzung der mindest notwendigen Lebensraum- und Lebensraumverbundflächen.
- Eine Priorisierung der Flächen im Hinblick auf die Durchführung von Maßnahmen.
- Maßnahmenpläne für alle Nutzergruppen/Themenbereiche, die einen Einfluss auf die Lebensbedingungen des Auerhuhns haben.
Zu den Nutzergruppen/Themenbereichen zählen:
- Habitatgestaltung und naturnahe Waldwirtschaft
- Tourismus und Freizeitnutzung
- Jagd
- Infrastrukturelle Projekte und Windkraftnutzung
- Wissenschaftliche Begleitung
- Transfer und Kommunikation
Da der Aktionsplan handlungsorientiert angelegt ist,
werden maßnahmenspezifisch Möglichkeiten aufgezeigt, wie die notwendigen
Maßnahmen finanziert und ökonomisch optimiert werden können. Daneben soll die
Integration der Maßnahmen in bestehende Prozessabläufe und Verwaltungsvorgaben
erreicht werden. Weiterhin werden rechtliche Instrumente genannt, durch die
eine verbindliche Umsetzung von Maßnahmen erreicht werden kann, die nicht
bereits durch bestehende Gesetzesvorgaben oder Verordnungen abgedeckt sind (z. B.
Vogelschutzrichtlinie und FFH-Richtlinie, BNatschG, LNatschG, LWaldG, LJagdG
etc.).
Der Aktionsplan dient der koordinierten und integrierten Umsetzung von Auerhuhnschutz- und Erhaltungsmaßnahmen im Schwarzwald. Er liefert außerdem eine Grundlage für die Erstellung der Managementpläne für die Natura 2000 Gebiete, in denen das Auerhuhn zu den Schutzzielen gehört. Darüber hinaus zielt er durch die Berücksichtigung der Gesamtpopulation im Naturraum Schwarzwald auf den Erhalt der Funktionszusammenhänge auf Populationsebene ab.
Downloads
- Aktionsplan Auerhuhn - Kurzfassung (PDF 0,6MB)
- Broschüre: Rahmenbedingungen und Handlungsfelder für den Aktionsplan Auerhuhn (PDF 6,5MB)
- Maßnahmenplan 2008 bis 2018 (PDF 3MB)
Links
- Auerhuhnrelevante Flächen im Schwarzwald
- Wildtiermonitoring der FVA Freiburg (u.a. Auerhuhn, Luchs, Wildkatze, Habicht)
- Aktionsplan Auerhuhn Schweiz
- Auswirkungen des Klimawandels auf Vogelarten
- Die Arbeitsgruppe Rauhfußhühner
- Auer- und Birkwildhege in Natura 2000-Gebieten
- Die Zukunft des Auerhuhns im Schwarzwald
- Aktionspläne zum Schutz von Auerhuhn und Mittelspecht
- Arten- und Biotopschutz in Natura 2000-Gebieten
- Selten, seltener, am seltensten: Drei Waldhühner mit unterschiedlichen Ansprüchen
- Wildtierkorridore in Baden-Württemberg
Kontakt
Dr. Rudi Suchant
Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA)
Abteilung Wald und Gesellschaft
Wonnhaldestr. 4
D-79100 FreiburgTel. +49 761 4018 209
- Wie beurteilen Sie diesen Beitrag?
| sehr interessant interessant weniger interessant nicht interessant |
Durchschnittliche Bewertung dieses Beitrags:
41 Bewertung(en)
|


