| Dokumentinformationen | ||
| Autor(en): | Ulrich Wasem, Josef Senn | |
| Originalartikel: | Wasem, U.; Senn, J. (2000): Fehlende Weisstannenverjüngung - Hohe Schalenwildbestände können die Ursache sein. - Wald Holz 81, 9: 11-14. | |
| Online-Version: | Stand: 02.12.2005 | |
| Redaktion: | WSL, CH | |
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Fehlende Weisstannenverjüngung und hohe Schalenwildbestände
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| Abb. 1 - Die Versuchsfläche in einer Bestandeslücke im Fichten-Tannenwald |
Die Tannenverjüngung ist vielerorts nicht mehr gesichert. Die Eidgenössische Forschungsanstalt WSL führte im Kanton Glarus Saat-Versuche zu den Faktoren Wild, Kleinsäuger, Vögel, Schnecken und Insekten durch. Die Resultate zeigen eine starke Beeinträchtigung durch das Wild - aber auch die Pilze sind nicht zu vernachlässigen.
Heute ist die Verjüngung der Weisstanne in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet an vielen Orten nicht mehr gewährleistet, so dass dort längerfristig mit dem Rückgang dieser Baumart gerechnet wird. Zur Untersuchung dieses Problems wählte die Eidg. Forschungsanstalt WSL Birmensdorf ihre Versuchsflächen im glarnerischen Kärpfgebiet, das überdurchschnittlich hohe Wildbestände aufweist.
Aus touristischen- und wildhegerischen Gründen stützt man dort in harten Wintern die Schalenwildbestände mit Fütterungen. Der Sturm "Vivian" verursachte im Februar 1990 in diesem Gebiet ausgedehnte Windwürfe. Durch den Orkan und die folgenden Borkenkäferschäden stieg der Anteil an Jungwuchsflächen von 15% auf 44%.
Die entstandenen Verjüngungsflächen an teilweise steilen Hanglagen sind für schweizerische Verhältnisse gross (ca. 300 ha). Zusätzlich entstand am benachbarten Gandberg durch Käferbefall ein Totholzbestand von 100 ha. Damit veränderte sich innerhalb weniger Jahre die Zusammensetzung der Waldvegetation zu Gunsten des Schalenwildes. Ein reichhaltiges Äsungsangebot und reichlich neue Deckung beeinflussten die Lebensbedingungen der Wildpopulationen positiv.
Untersuchungsgebiet
Die untersuchte Waldung "Alten Bann" in Schwanden liegt nordexponiert auf 1'050 m am Eingang des Niederentals. Neben den vorherrschenden Fichten kommen Buchen und Bergahorne sowie vereinzelt grosse und vitale Tannen vor (Abb. 1). Die Tannen produzierten in den Jahren 1995 bis 1999 Halb- bis Vollmasten. Im Frühjahr beobachtete man im Umkreis der Mutterbäume gehäuft viele Tannenkeimlinge. Nach einem halben Jahr waren die meisten wieder verschwunden. Nach den Wintermonaten fand nur noch das geübte Auge einige wenige Sämlinge; zweijährige Sämlinge oder gar mehrjährige Tannenverjüngung waren keine mehr zu finden.
Versuchsanordnung
Ist der Tannensamen einmal am Boden, hängt seine Entwicklung von einer Vielzahl von Faktoren wie Lichtverhältnisse, Trockenheit, Gewitterregen, Schnecken, Insekten, Vögel, Mäuse, Schalenwild und Pilzerkrankungen ab. Um einzelne dieser Faktoren zu kontrollieren, schlossen die Forscher in einer Versuchsanordnung auf bestimmten Teilflächen gewisse Faktoren aus, während andere auf die Tannenkeimlinge und Sämlinge einwirkten.
Ende April 1997 legten die Forscher Tannensaaten und Sämlingspflanzungen in zwei durch Käferbefall entstandenen Bestandeslücken an. Um das Schalenwild auszuschliessen, errichtete man einen Wildzaun. Eine Abdeckung mit 9 mm Drahtgeflecht, rundum 20 cm tief in den Boden eingegraben, verwehrte Mäusen und Vögeln den Zugang zur Tannenverjüngung.
Um den Einfluss von Insekten und Schnecken beurteilen zu können, schützten die WSL-Mitarbeiter Saaten und Pflanzungen mit 2 mm Drahtgeflecht (Abb. 2 und Abb. 3). Gegen mögliche Pilzerkrankungen trafen sie keine Vorkehrungen.
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Abb. 2 - Tannensaaten und -pflanzungen wurden
innerhalb eines wilddichten Zaunes von 12 x 12 m Grösse auf einer
offenen Fläche angelegt. Um Zauneffekte zu vermeiden, wurde die
Vergleichsfläche etwa 100 m vom Kontrollzaun entfernt auf einem
vergleichbaren Standort angelegt. Folgende Saaten/ Pflanzungen brachten
die Forscher aus:
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Während den ersten zwei Monate nach der Keimung der Tannensaaten registrierten die Forscher in wöchentlichen Aufnahmen alle Keimlinge sowie die Ausfälle in den verschiedenen Versuchsvarianten. Danach hatten sich die Keimlinge etabliert, und die Datenerhebungen beschränkten sich in der Folge auf die kritischen Monate im Frühjahr und Herbst.
Die höchste Anzahl Keimlinge waren 1'143 Stück auf den acht angelegten Saatplätzen Anfang Juli 1997. Unter 2 mm Drahtgeflecht keimten die Tannensamen am besten und erlitten bis zum Oktober 1999 die geringsten Ausfälle. Unter 9 mm Drahtgeflecht war der Keimerfolg etwas geringer, aber besser als derjenige im Wildzaun ohne Bedeckung. Den schlechtesten Keimerfolg und die grössten Ausfälle zeigten die Saaten ohne Schutz auf der ungezäunten Vergleichsfläche (Abb. 4).
Ergebnisse der Saatversuche
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| Abb. 3 - Saatkisten innerhalb des Wildzauns |
Die Ursache für die hohen Überlebensraten der Saaten unter dem Schutz der Drahtgeflechte lag am künstlich geschaffenen günstigen Mikroklima. Die Keimlinge genossen eine leichte Beschattung und einen ausgezeichneten Tropfschutz. Die Überlebensraten der unbedeckten Saaten im Zaun waren immer noch relativ hoch, aber deutlich geringer als unter den Drahtgeflechten. Die anfängliche These, dass Schnecken und Insekten bedeutende Mortalitätsfaktoren sein könnten, hat sich in diesem Bestand nicht bewahrheitet.
Ein beträchtlicher Teil der Ausfälle ist auf die Aktivität bodenbürtiger Pilze zurückzuführen. Die Forscher beobachteten und diagnostizierten drei Befallsformen: Die "frühe Keimlingsfäule", die "Umfallkrankheit", sowie die "spätere Wurzelfäule" an Sämlingen. Diese verschiedenen Formen gehören zu den häufigsten und gefürchtetsten Pilz-Krankheiten in Forstgärten. Es stellte sich heraus, dass diese Pilzkrankheiten nicht nur im Forstgarten, sondern auch im Wald eine bedeutende Rolle spielen können.
Die Saaten ohne Schutz auf den ungezäunten Vergleichsflächen brachten im Vergleich zu den Saaten im Wildzaun deutlich geringere Erfolge. In den Wintermonaten halten sich etwa 8 bis 12 Hirsche und 10 Gämsen auf dieser 12 ha grossen Fläche auf.
Die Wildwechsel werden durch die intensive Nutzung zu Trampelpfaden. Auf weichem Boden bleiben die Hufabdrücke von Hirsch und Gämse deutlich sichtbar. An vielen Stellen kommt es zu Konzentrationen von Abdrücken wie vor Eingängen zu Viehställen. Weil das Schalenwild bei dieser hohen Dichte während des Winters die gesamte Waldung stark nutzte, erwies sich der Wildtritt als ein bedeutender Faktor für den Keimlingsausfall (Abb. 7). Die dadurch verursachte lokale Erosion hatte zur Folge, dass stärkere Niederschläge häufig die noch kaum im Boden verankerten Keimlinge entwurzelten und auswuschen.
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Abb. 4 - Überlebensprozente und Mortalitätsraten (bis Ende Oktober 1999).
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Ergebnisse der Pflanzversuche
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| Abb. 5 - "Umfallkrankheit"; links gesunder Keimling |
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| Abb. 6 - Verpilzte Samenkappe |
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Abb. 7 - Wildtritt beeinträchtigt die Tannenverjüngung. Fotos: U. Wasem (WSL) |
Die Sämlinge auf der Vergleichsfläche ohne Schutz überlebten deutlich schlechter. Die durch Zaun geschützten Sämlinge waren vital und wiesen normal entwickelte Seitentriebe auf. Auf den Flächen ohne Wildschutz fanden sich von den Sämlingen oft nur noch kleine, grüne Stängel. Die Seitentriebe fehlten und auch der Terminaltrieb war oft abgeäst. Viele Tannen lebten zwar noch, doch ist es nur eine Frage der Zeit, bis die ungeschützten Sämlinge ganz verschwinden.
Von den im April 1997 ausgebrachten Pflanzen weidete das Wild im Winter 97/ 98 nur die grösseren (2- und 3-jährigen) Tannen ab. Die einjährigen Keimlinge waren kaum verbissen. Im Frühjahr 1998 pflanzte man weitere 250 ein- sowie 250 zweijährige Sämlinge. Ein Jahr später zeigte die Aufnahme, dass von den damals einjährigen Tannen (ca. 3-4 cm hoch) 45% überlebten, von den damals zweijährigen (ca. 4-8 cm hoch) aber nur 15%. Keimlinge und kleine einjährige Sämlinge waren zu Beginn deutlich weniger dem Verbiss unterworfen. Diese Ergebnisse zeigen, dass die Sämlinge zuerst eine gewisse Grösse erreichen müssen, bis sie für Rothirsch und Gämse attraktiv sind.
Starke Niederschläge führten im Februar/ März 1999 zu extremen Schneehöhen. In den "Vivian"-Sturmflächen lag Schnee von über zwei Metern, was die Mobilität des Wildes drastisch reduzierte. In den ausgedehnten Verjüngungsflächen waren nur wenige Gämsen und fast keine Hirsche zu beobachten. Unter solchen Bedingungen verbringt das Schalenwild die meiste Zeit in den geschlossenen Waldbeständen. Wegen des langen Winters mit später Ausaperung verendeten zahlreiche Wildtiere im Einzugsgebiet. In solch harten Zeiten äsen die Tiere während der Ausaperung alle erreichbaren Knospen und Triebe ab.
So fehlten im Frühjahr 1999 an fast allen gepflanzten Tannensämlingen die Endknospen. Für die Tannen bedeutete dies nicht nur einen Zuwachsverlust, sondern auch eine nicht zu unterschätzende Vitalitätseinbusse, und die geschwächten Bäume sind gegenüber Attacken von Pilzen und Insekten anfälliger. Bei wiederholtem Verbiss verschwindet die vorhandene Verjüngung wieder fast vollständig. Ziemlich sicher wird sich in Zukunft auch nach einer Vollmast unter Schirm oder in kleinen Öffnungen im Bestand ohne Wildschutz keine mehrjährige Verjüngung etablieren.
Anders kann es in grossen Freiflächen aussehen. Dank genügend Licht und Wärme entwickelt sich sowohl die Boden- als auch die Strauch- und Baumvegetation üppig. Die Huftiere können dieses Äsungsangebot nicht annähernd nutzen. An vom Äser geschützten Stellen können deshalb Tannen überleben und aufwachsen. Allerdings fehlt auf den grossen Freiflächen meist die nötige Anzahl von Samenbäumen.
In den letzen 40 Jahren konnte sich die Tanne im Niederental kaum mehr natürlich verjüngen. Die einst fast oder ganz ausgestorbenen Schalenwildarten wurden dank Hege in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet wieder heimisch. Heute verdient die Tanne wieder eine Chance. Neben der zoologischen Vielfalt ist auch die Baumartenvielfalt erhaltenswert. Bei enger Zusammenarbeit von Jagdverwaltung und Forstdienst sollte es wieder möglich sein, auf verschiedenen Standorten eine natürliche Tannenverjüngung einzuleiten.
Download
- Der Originalartikel mit Literaturangaben ist als PDF-Datei verfügbar (980 KB).
Links
- Verbiss der Weisstanne durch Huftiere
- Wildeinfluss auf die Baumartenmischung in Österreichs Wald
- Die Weisstanne - Baum des Jahres 2004
- Die Weisstanne - Königin mit Potenzial
- Die genetische Vielfalt der Weisstanne in der Schweiz
- Die Verbreitung und die waldbauliche Bedeutung der Weisstanne in den Zwischenalpen
Kontakt
Ulrich Wasem
Eidg. Forschungsanstalt WSL
Störungsökologie
Zürcherstrasse 111
CH - 8903 BirmensdorfTel: +41 44 739 25 50
Fax: +41 44 739 22 15
Josef Senn
Eidg. Forschungsanstalt WSL
Vegetationsökologie
Zürcherstrasse 111
CH - 8903 BirmensdorfTel: +41 44 739 23 81
Fax: +41 44 739 22 15
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