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Dokumentinformationen
Autor(en): Tobias Jonas
Originalartikel: Jonas, T. (2001): Haben Steinböcke einen sechsten Sinn für Lawinen? http://www.slf.ch/lebensraum-alpen/steinboecke-de.html
Online-Version: Stand: 09.02.2005
Redaktion: WSL, CH
Verfügbare Sprachen: Druckansicht  deutsch

Haben Steinböcke einen sechsten Sinn für Lawinen?

Forscher untersuchen den Einfluss der Schneedecke auf das Verhalten von Steinböcken

Freilassung
Abb. 1 - Steinbock "Christian" entspringt in die Freiheit.
Foto: SLF 
 
Senderhalsband
Abb. 2 - Mit solchen Sender-Halsbändern wurden die Steinböcke im Diemtigtal ausgestattet.
Foto: SLF

Für wilde Huftiere ist der Winter die schwierigste Zeit im Jahr. Geeignete Verhaltensstrategien in Schnee und Kälte sind entscheidend für das Überleben. Bis heute ist allerdings wenig über die Verhaltensanpassung des Wildes an wechselnde Schneeverhältnisse bekannt.

Wissenschafter des Eidgenössischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) haben das Projekt "Wildtiere im Schnee" lanciert, um den Einfluss der Schneeverhältnisse auf Aktivität und Mobilität von Wildtieren zu untersuchen. In einem Steinbockprojekt nähern sie sich diesen Forschungsfragen vorwiegend mittels GPS-Telemetrie in Kombination mit verschiedenen Schneedeckenuntersuchungen und meteorologischen Messungen. Anlässlich des Umsiedlungsprojektes von Steinböcken ins Berner Diemtigtal statteten die Forscher insgesamt sieben Tiere mit GPS-Halsbändern aus.

Durch verbesserte Kenntnisse über die Ansprüche der Steinböcke an ihren Lebensraum im Winter wird das Wissen aus dieser Studie dazu verhelfen, das Nebeneinander von Mensch und Steinbock besser zu koordinieren. Diese Informationen sind auch bei der Planung neuer Steinwildkolonien oder zur Abklärung neuer Schutzgebiete (Nationalparks) wichtig.

Forschungsfragen

Mit Hilfe der mit Senderhalsbändern ausgestatteten Tiere und in Zusammenarbeit mit anderen Untersuchungen im Lebensraum der Steinböcke wollen die Wissenschafter folgende Fragen beantworten:

Erste Resultate

Wie so oft ist es ein langer Weg von den eigentlichen Untersuchungen bis hin zu wissenschaftlich erhärteten Resultaten. Nicht selten vergehen Jahre, bevor erste seriöse Ergebnisse vorliegen und publiziert werden können. Die Wissenschafter des SLF können deshalb noch keine Antworten auf ihre Forschungsfragen geben. Trotzdem haben sie schon jetzt viel über die Anpassung der Steinböcke an die winterlichen Umweltverhältnisse gelernt.

Insgesamt haben die Forschenden sieben Tiere mit GPS-Sendehalsbädern ausgestattet. Während zwei Ansiedlungskampagnen im Frühjahr 2001 und 2002 konnten sie je drei Tiere besendern, im Frühling 2003 ein weiteres Tier. Von diesen sieben Halsbändern waren Mitte 2004 noch zwei im Einsatz. Vier Halsbänder konnten geborgen werden, eines ist leider unauffindbar. Diese relativ hohe Ausfallrate von Sender-Halsbändern ist gemäss den Experten leider normal. Die Abbildung 3 gibt Auskunft über das Schicksal der Halsbänder der einzelnen Tiere.

Sender-Halsbänder
Abb. 3 - Erfolg des Einsatzes der Telemetriehalsbänder. Links die Namen der 7 mit Halsbändern ausgestatteten Tiere. Quelle: SLF

Aus den Positionierungsdaten lassen sich mittlere Bewegungsgeschwindigkeiten ableiten. Trägt man diese nach Sommer und Winter getrennt auf der Zeitachse auf, so ergeben sich unterschiedliche Mobilitätsmuster. Jedes Kästchen in Abb. 4 entspricht einem Bewegungsgeschwindigkeits-Bereich in einem bestimmten Tageszeit-Bereich, z.B 100-120 Meter pro Stunde zwischen sechs und sieben Uhr. Die Farbe in jedem Kästchen gibt an, wie häufig der Steinbock "Rega" während dieses Zeitbereichs mit dieser Geschwindkeit unterwegs war, je röter desto öfter. Die Zeitskala ist dabei so verzerrt, dass die Sonne immer um 6:00 Uhr auf- und um 18:00 Uhr untergeht.

Bewegungsgeschwindigkeit
Abb. 4 - Verteilung der Bewegungsgeschwindigkeit von Steinbock-Dame "Rega" im Verlaufe des Tages. Quelle: SLF

Die Wissenschafter erkennen aus "Regas" Daten, dass sich die Steinbock-Dame im Winter hauptsächlich nur zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang bewegt hat. Im Sommer dagegen scheute sie Aktivitäten während der Dämmerung und selbst während der Nacht nicht. Daher lässt sich vermuten, dass Steinböcke in der Regel auf Schnee nur wandern, wenn sie auch optische Kontrolle über ihre Bewegungen haben. Dies ist ein erstes Indiz dafür, dass sich Steinwild auf Schnee und Eis vorsichtiger bewegt.

Es zeigt sich deutlich, dass die Mobilität der Tiere an Neuschnee-Ereignisse gekoppelt ist. Häufig sind die Steinböcke in den ersten Tagen nach einigen Dezimetern Neuschnee lokal gebunden. Je mehr Zeit nach einem Neuschnee-Fall vergangen ist, desto länger werden auch wieder die Strecken, die das Steinwild pro Tag zurückgelegt. Die absolute Schneehöhe spielt dabei interessanterweise kaum eine Rolle. Solche Zusammenhänge scheinen naheliegend, nimmt doch mit der Zeit nach Neuschneefall im allgemeinen einerseits die Tragfähigkeit der Schneedecke zu und andererseits die Lawinengefahr ab. Diese zwei Effekte voneinander zu trennen, wird allerdings noch viel mehr Daten und weitere Analysearbeit erfordern.

Auch die vielen fehlenden Positionierungen nach stärkeren Neuschnee-Ereignissen stechen den Steinbock-Experten ins Auge. Fehlende Positionierungen ergeben sich, wenn temporär kein Kontakt zwischen Halsband und Satellit möglich ist. Es gibt zwei naheliegende Ursachen dafür: Entweder begraben die Tiere den Sender unter sich im Schnee, wenn sie in lockerem Neuschnee ruhen, oder die Tiere ziehen sich in Höhlen und Nischen zurück, wo sie von den Satelliten abgeschirmt sind. Eine weitere Erkenntnis ist, dass die Steinböcke bei ungemütlichen Bedingungen eher die Nähe steiler Felswände suchen, als dass sie im Wald vor Schnee, Wind und Lawinen Schutz suchen.

Umfangreiche Steinbock-Webseite

Steinbock-Portrait
Abb. 5 - Stolzes Steinbock-Männchen.
Foto: U. Wasem (WSL) 

Die Informationen auf dieser Seite stammen aus www.steinbock.ch. Auf dieser umfangreichen Internetseite dokumentieren die Wissenschafter ihr Steinbock-Projekt. Wer sich dafür interessiert, erfährt neben verschiedenen Fach-Informationen zum Projekt auch viel Wissenswertes zur Wiederansiedlung des Steinwildes in der Schweiz oder zur Biologie des Steinbocks. Auch den 10 umgesiedelten Tieren widmen die Forschenden eine eigene Seite. In Steckbriefen erfährt man einiges:

Tipps für eigene Steinwild-Beobachtungen, Bilder und Videos, sowie Dutzende Links runden die Steinbock-Seite des Forschungs-Teams ab.

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