| Dokumentinformationen | ||
| Autor(en): | Urs Fitze | |
| Originalartikel: | Fitze, U. (2006): Wald als radioaktive Senke. - Wald Holz 87, 9: 53-56. | |
| Online-Version: | verändert, Stand: 25.08.2008 | |
| Redaktion: | WVS, CH | |
| Verfügbare Sprachen: |
Druckansicht
|
|
Wald als radioaktive Senke: 20 Jahre nach "Tschernobyl"
|
|
| Abb. 1 - Blick auf den Unglücksreaktor, der in einer Hülle aus Stahl und Beton eingeschlossen ist, die zunehmend brüchig wird. Die Sanierungsarbeiten sind fast abgeschlossen. Dann wird eine neue Hülle gebaut. |
|
|
| Abb. 2 - In der Stadt Tschernobyl macht sich in den menschenleeren Strassen Wald breit. |
|
|
|
Abb. 3 - Auch auf die verlassenen Felder um Tschernobyl kehrt der Wald allmählich zurück. |
|
|
|
Abb. 4 - Nur noch ein Achtel der ursprünglichen Holzmenge wird in der Sperrzone in Tschernobyl verarbeitet. Fotos: Urs Fitze, Pressebüro Seegrund |
Teure "Reparaturarbeiten"
150'000 km2 Land in den drei Staaten Ukraine, Weissrussland und Russland wurden durch die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl verseucht. Rund 400'000 Menschen wurden evakuiert, eine weitere Million verliess das Katastrophengebiet aus freien Stücken. Die Schutzhülle, die binnen weniger Monate hastig um den zerstörten Reaktor gelegt wurde, ist akut einsturzgefährdet (Abb. 1).
Das Projekt für eine neue Hülle ist inzwischen spruchreif. Mit den Bauarbeiten soll in den nächsten Jahren begonnen werden. Finanziert wird das rund 800 Mio. EUR teure Bauwerk aus Mitteln des mit 837 Mio. EUR ausgestatteten "Chernobyl Shelter Fund", der 1997 von der Europäischen Union und der Ukraine gegründet worden war. Auch die Schweiz ist mit 9,3 Mio. EUR beteiligt. Daneben engagieren sich die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) mit verschiedenen kleineren Projekten in der Region um Tschernobyl.
Wäre die Region um Tschernobyl nicht so dicht bewaldet gewesen, hätte der Super-Gau 1986 noch weit schlimmere Auswirkungen haben können. 20 Jahre danach sind die verstrahlten Wälder in der Sperrzone rund um den Reaktor zu radioaktiven Senken geworden: Sie verhindern ein Ausbreiten der Strahlung. Doch dafür müssen sie gepflegt werden.
74 Dörfer und zwei grössere Städte – Tschernobyl und das erst 1970 gebaute Prypyat – sind auf dem Gebiet der Ukraine heute praktisch menschenleer. Dazu kommen weitere verseuchte Regionen in Weissrussland und Russland (siehe gelber Kasten). In Prypyat, einer 1970 nur für das Personal der sechs damals geplanten Kernkraftwerke gebauten Stadt mit 45’000 Einwohnern, nur 3 km vom Reaktorgelände entfernt, gibt es ausser ein paar verwilderten Hunden und Katzen niemanden mehr. Es ist still auf dem grossen Hauptplatz, wo Jungbäume aus dem Asphalt spriessen, gespenstisch still und auch flatternde Schmetterlinge, summende Bienen und Vogelgezwitscher können die Atmosphäre nicht aufhellen, die an einen der düsteren Science Fiction-Filme aus den 1970er-Jahren erinnert, die eine Welt nach dem Atomkrieg zeigten.
Die wuchernde Kraft der Natur arbeitet geduldig daran, die Spuren der Menschen, die hier über 1000 Jahre gesiedelt haben, zu tilgen (Abb. 2 und 3). Die 2040 km2 grosse Sperrzone wird zum Naturparadies, und manche Arten wie der Wolf, die hier bereits ausgestorben waren, sind zurückgekehrt in das Gebiet, in dem einst intensive Land- und Forstwirtschaft betrieben worden war.
"Rote Wälder"
75% des Sperrgebietes sind mit Wald bedeckt. Unmittelbar und tödlich geschädigt wurden nach dem Super-Gau rund 3500 ha innerhalb eines Radius von 7 km um den Reaktor. Die Baumnadeln, vor allem Föhren (Pinus sylvestris), erhielten in den ersten Wochen Gamma-Strahlendosen von 80 bis 100 Gray* und starben binnen weniger Tage ab. Wegen ihrer rötlichen Verfärbung gingen diese atomar verstrahlten Wälder als "Red Forests" in die Geschichte ein. Die buchstäblich strahlenden Baumleichen mussten von den Räumkommandos gefällt werden. Stämme und Äste wurden an Ort und Stelle vergraben.
|
* Gray: Masseinheit für die absolute absorbierte Strahlung. 1 Gray entspricht 1 Joule pro Kilogramm. Für den Menschen sind schon wenige Gray tödlich. |
Auch die weiter entfernten Wälder mussten mit enormen Strahlendosen fertig werden. Betroffen waren zu Beginn vor allem die Baumkronen. Innerhalb eines Jahres erreichte dieses verseuchte organische Material die Böden, die nun die Hauptquelle für die Verstrahlung sind. Seither nehmen Pflanzen durch ihre Wurzelsysteme weiter radioaktive Teile auf – und geben sie wieder an die Böden zurück. Dieses biologisch bedingte Gleichgewicht wird primär durch die Hydrologie beeinflusst. Dabei zeigen sich grosse Unterschiede.
Birken und Eichen resistenter als Föhren
Generell betrachtet sind feuchte Wälder wegen des verstärkten Wasserabflusses eher begünstigt, trockene Standorte eher benachteiligt. Doch auch die einzelnen Pflanzenarten reagieren unterschiedlich auf die Verstrahlung. Flachwurzelnde Bäume sind stärker betroffen als Arten, deren Wurzeln tiefer ins Erdreich reichen. In nährstoffarmen Böden wird Cäsium, das chemisch eng verwandt ist mit Kalium, stärker aufgenommen. Vor allem Föhren sind äusserst empfindlich und sterben schon bei Dosen von 40 Gray, während Birken und Eichen sich resistenter zeigen und bis zur 15-fachen Dosis aushalten. Darauf gilt es bei Wiederaufforstung zu achten. So sind in den "Roten Wäldern" vor allem Birken gepflanzt worden, die besser mit der radioaktiven Strahlung fertig werden.
In den Bäumen selbst finden sich die radioaktiven Teilchen vor allem in Blättern und Nadeln sowie der Rinde. Das Holz ist nur zu einem kleinen Teil von der Strahlung betroffen. So enthält die Rinde 20- bis 30-mal mehr Cäsium137 als das Holz, und auch bei den Blättern und Nadeln ist es noch das 4- bis 8-fache. Deshalb müssen kontaminierte Stämme unbedingt noch vor Ort entrindet werden. Deutlich stärker belastet sind Waldfrüchte, Pilze und Erikakraut.
Die Wälder rund um das Reaktorgelände, in einer von Sümpfen und Marschland geprägten Landschaft, wurden nach gigantischen Drainageprojekten zwischen 1950 und 1970 aufgeforstet. Zuvor war die Gegend schon im 19. Jahrhundert nahezu entwaldet worden, bedingt durch Übernutzung und Ausdehnung der landwirtschaftlichen Nutzflächen. Die planmässige Wiederbewaldung folgte weniger den Gesetzen der Natur als dem Nutzdenken der Förster. So wurden vor allem Föhren gepflanzt. Sie machen heute rund die Hälfte des Baumbestandes aus. Der ursprüngliche Mischwald aus Föhren (Pinus sylvestris), Eichen (Quercus robur), Birken (Betula pendula und Betula pubescens), Pappeln (Populus tremula) und Erlen (Alnus glutinosa und Alnus incana) wurde in ökologische Nischen verdrängt.
Waldpflege verhindert Freisetzung von radioaktiven Teilchen
Früher gab es in der Sperrzone drei grosse Forstbetriebe. Davon ist einer übrig geblieben. Die Mitarbeiter samt Direktor Mikola Mikolajewich wohnen alle ausserhalb. Auch Nahrungsmittel müssen von draussen mitgebracht werden. Mikolajewich ist seit 1999 im Amt und hatte zuvor an der forstwissenschaftlichen Fakultät in Kiev gelehrt. Seine Promotion mit einer Arbeit über die Strahlenbelastung der Wälder in der Folge der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl prädestiniert ihn für diese Funktion.
"Wir beschränken uns in der Sperrzone auf die Waldpflege", erklärt er. Doch diese Pflege sei notwendig. "Natürlich kämen die Wälder auch alleine zurecht. Doch der Mensch hat sie seit Jahrtausenden beeinflusst." So habe die monokulturartige Aufforstung mit Föhren die Wälder sehr empfindlich gemacht. Windwurf, Pilze, schädliche Insekten und Brände setzen ihnen zu.
Das wäre unter normalen Umständen in einem Gebiet, in dem die waldwirtschaftliche Nutzung zum Erliegen kommt, vertretbar. "Ein natürliches Gleichgewicht würde sich über kurz oder lang einstellen", sagt Mikolajewich. "Aber wir haben es hier mit verstrahlten Wäldern zu tun, deren Verschwinden unweigerlich zur neuerlichen Freisetzung von radioaktiven Teilchen führen müsste. Das wäre wie eine Folge weiterer atomarer Katastrophen." Am schlimmsten wäre ein grossflächiger Waldbrand. Durch die grosse Hitze würden radioaktiv belastete Ascheteile über grosse Flächen verteilt.
Doppelt gefährliche Arbeit
Die Wälder um Tschernobyl sind zu radioaktiven Senken geworden. Sie haben schon vor 20 Jahren noch Schlimmeres verhindert, weil sie einen Grossteil der freigesetzten radioaktiven Teilchen absorbierten. Nun müssen sie diese Last auch noch weiter tragen – wahrscheinlich für Jahrhunderte.
Das Ziel von Mikolajewich ist ein möglichst naturnaher Baumbestand. Gezielte Schläge werden deshalb durchgeführt, um diese Verjüngung zu fördern. Die Stämme werden vor Ort entastet und entrindet. Die Forstarbeiter sind einer hohen Strahlenbelastung ausgesetzt, die jene der mit Aufräumarbeiten auf dem Reaktorgelände Beschäftigten um das Eineinhalbfache übersteigt.
Der Holzschlag ist drastisch gesunken. Wurden vor 1986 jährlich 85'000 m3 geerntet, so sind es heute noch 10'000 m3 (Abb. 4). Das Holz darf nach einer Kontrolle von lizensierten Unternehmen auch ausserhalb der Sperrzone verarbeitet werden. Damit ist "Chornobyl Forest" der einzige Betrieb innerhalb der Sperrzone, der noch ein wenig Geld verdient. Es ist wenig genug. Doch ums Geld geht es hier nur sehr bedingt: Das Fernziel von Mikolajewich ist eine durchgängig bewaldete Zone um Tschernobyl mit einem vitalen Mischwald, der dem Naturzustand möglichst nahe kommt. Und, wer weiss, vielleicht wird ja in einigen Jahrzehnten einmal ein Nationalpark daraus.
Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Waldwirtschaft Schweiz WVS
Download
- Der ausführliche Originalartikel ist als PDF-Datei verfügbar (2.4 MB).
Links
- Russlands Forstwirtschaft: Eine sozialistische Insel im Ozean des Marktes
- Waldforschung in Russland - ИССЛЕДОВАНИЕ ЛЕСОВ В РОССИИ
- Urwälder im Zentrum Europas
- Wald und Forstwirtschaft in Polen
- Die Forstwirtschaft in Slowenien
Kontakt
- Urs Fitze
Pressebüro Seegrund
Postfach 455
Neugasse 30
CH-9004 St.Gallen - Tel. +41 (0)71 671 10 73
e-mail: u.fitze @ seegrund.ch
Web: www.seegrund.ch
- Wie beurteilen Sie diesen Beitrag?
| sehr interessant interessant weniger interessant nicht interessant |
Durchschnittliche Bewertung dieses Beitrags:
6 Bewertung(en)
|
- Schreiben Sie uns Ihre Meinung zu diesem Beitrag.
| 26.08.2008 | Verfasser muck |
| Hochinteressant, grade jetzt! | |
| Hallo und vielen Dank für diesen ausgesprochen interessanten Beitrag! Ich finde gerade heute, in einer Zeit, in der aus kurzfristigen ökonomischen Gründen die Angst der Bevölkerung vor steigenden Energiepreisen dazu missbraucht wird, die Atomenergie wieder salonfähig zu machen ist es wichtig immer wieder aufzuzeigen, wie hoch die Risiken und vor allem die Belastungen im Falle des Falles wirklich sind! Alle denken, Tschernobyl, weit weg und längst vergangen, doch weit gefehlt, ein heißer Sommer, ein großer Waldbrand und Ostwind und schon haben wir den Salat wieder hier in Mitteleuropa. Wobei es letztlich egal ist, wer den Dreck abbekommt - es ist immer eine neue Katastrophe. Wer kontrolliert eigentlich, ob das bestimmt sehr günstige Tschernobyl-Holz nicht heimlich als supterteure, sibirische Fichte mit einer gigantischen Gewinnspanne bei uns eingeführt und z.B. ausgerechnet in den als ökologisch beworbenen Holzhäusern teuer verbaut wird? Hohe Gewinnspannen sind immer verführerisch und gerade die die ehemaligen Sowjetstaaten sind nicht unbedingt für besonders große Skrupel berühmt, dass muss ehrlicherweise auch gesagt werden. Es wäre klasse, wenn hier weitere Informationen nachkämen. Mit freundlichen Grüßen, Muck |
|
| Kommentar beantworten |


