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Dokumentinformationen
Autor(en): Urs-Beat Brändli, Meinrad Abegg
Originalartikel: Brändli, U.-B.; Abegg, M. (2009): Ergebnisse des Landesforstinventars LFI3. Der Schweizer Wald wird immer natürlicher. Wald Holz 90, 7: 27-29.
Online-Version: Stand: 10.07.2009
Redaktion: WSL, CH
Verfügbare Sprachen: Druckansicht  deutsch français

Der Schweizer Wald wird natürlicher

Mehr Mischwald in der Schweiz
Abb. 1 -Gehölzartenreicher und gut strukturierter Bergwald.

Foto: G. Gehrig

 
Mehr dicke Bäume in der Schweiz
Abb. 2 - Giganten wie diese Eichen im Basler Jura sind noch selten anzutreffen, aber die Anzahl dicker Bäume nimmt stetig zu.

Foto: U.-B. Brändli

 
Mehr Naturverjüngung im Schweizer Wald
Abb. 3 - Naturverjüngung mit Laubholz wird auch im Wirtschaftswald des Mittellandes immer häufiger.

Foto: U.-B. Brändli

 
Totholz nach Windwurf
Abb. 4 - Besonders in Tieflagen hat der Orkan Lothar viele Bestände zerstört. Nicht selten wurden die Schadenflächen nur teilweise geräumt.

Foto: U. Wasem

 
Naturschutz ist auch im Wald wichtig
Abb. 5 - Ökologisch besonders wertvolle Wälder auf Spezialstandorten, wie dieser Flaumeichenwald bei Osterfingen, werden vermehrt nach Naturschutzkriterien bewirtschaftet.

Foto: U.-B. Brändli

 
Totholzvorrat nach Wirtschaftregionen
Abb. 6 - Totholzvorrat nach Wirtschaftregionen. Bitte anklicken zum vergrössern.
 
Anteil Waldfläche ohne forstliche Eingriffe
Abb. 7 - Anteil Waldfläche ohne forstliche Eingriffe seit über 50 Jahren. Bitte anklicken zum vergrössern.

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie über die Ergebnisse des dritten Landesforstinventars LFI3.

=> zur Übersicht aller Beiträge

Mehr naturnaher Laubwald im Mittelland, mehr natürliche Verjüngung, mehr Totholz und mächtigere Bäume: Nicht nur die Bergwälder, sondern auch die Wirtschaftswälder der Tieflagen sind seit dem letzten Landesforstinventar wieder naturnaher geworden. Der Anteil an eingeführten Baumarten ist sehr klein, Baumarten- und Strukturvielfalt haben weiter zugenommen. Insgesamt sind die Wälder aber dichter, was licht- und wärmeliebende Arten verdrängen kann.

Für die Erhaltung der biologischen Vielfalt (Biodiversität) kommt den Wäldern eine besondere Bedeutung zu. Mit ihrer grossen Ausdehnung, Langlebigkeit und strukturellen Vielfalt bieten die Schweizer Wälder Lebensraum für etwa 20'000 Tier- und 500 Gefässpflanzenarten. Mehr als ein Drittel der bei uns vorkommenden Tiere und Pflanzen sind auf den Wald angewiesen. Die Erhaltung der Biodiversität ist daher ein prioritäres Ziel des Waldprogrammes Schweiz.

Die Beobachtung der Artenvielfalt ist Aufgabe des Biodiversitätsmonitorings Schweiz (BDM). Dabei werden gewisse Arten direkt im Gelände gezählt. Das Landesforstinventar (LFI), das zentrale Instrument zur Nachhaltigkeitskontrolle im Schweizer Wald, liefert zudem die Informationen zur Qualität des Waldes als Lebensraum. Es richtet sich dabei im Wesentlichen nach den Indikatoren, die von der Ministerkonferenz zum Schutz der Europäischen Wälder festgelegt und auch von der Schweiz unterzeichnet wurden. In der Folge werden die wichtigsten Ergebnisse des dritten Landesforstinventars (LFI3) zum Thema Biodiversität vorgestellt.

Mehr Mischbestände

Von Natur aus bilden Buchen in Tieflagen und Fichten in Hochlagen über weite Gebiete vielfach fast Reinbestände. Eine hohe Baumartenvielfalt ist folglich kein Indiz für Natürlichkeit. An Gehölzarten reiche Bestände weisen aber in der Regel mehr Tier- und Pflanzenarten sowie eine grössere Anzahl von Individuen auf als Reinbestände. Heute dominieren im Schweizer Wald Mischbestände. Reinbestände haben einen Anteil von nur 19% und seit dem LFI2 haben Probeflächen mit nur einer Baumart um 4% abgenommen, was positiv zu werten ist.

Gehölzarten wie beispielsweise Weiden oder Eichen haben für zahlreiche Tiere eine besondere Bedeutung als Lebensgrundlage. Die Gehölzartenvielfalt gemäss LFI berücksichtigt neben der reinen Gehölzartenzahl auch eine ökologische Wertung der Arten. Zugenommen haben dabei die "hochwertigen" Weiden- und Sorbusarten sowie der Kirschbaum, während heimische Pappeln und Erlen etwas abnahmen. Auf tiefem Niveau leicht zugenommen haben Eichenbestände, während bei der seltenen Eibe die Stammzahl im Nachwuchs abgenommen hat. Insgesamt hat sich die durchschnittliche Gehölzartenvielfalt im vergangenen Jahrzehnt nicht verändert.

Weniger Licht, mehr Giganten

Lockere Wälder bieten Licht und Wärme für zahlreiche Tiere und Pflanzen, darunter auch seltene Arten wie der Frauenschuh oder der Diptam. Orkan «Lothar» schuf zwar neue Lücken und bewirkte mit der intensiveren Nutzung im Mittelland eine Abnahme des Bestandesdichte-Indexes um 5%. In den Alpen (9%) und auf der Alpensüdseite (19%) nahm die Dichte der Wälder jedoch deutlich zu. So ist der Schweizer Wald insgesamt um 3% dichter und damit auch dunkler geworden. Auch die nachlassende landwirtschaftliche Nutzung und anhaltende Waldzunahme im Alpenraum und Jura kann gebietsweise zur Abnahme von ökologisch wertvollen Kulturlandschaften führen.

Alte Bestände und dicke Bäume bieten wichtige Lebensräume und sind von existenzieller Bedeutung für viele typische Tier- und Pflanzenarten im Wald: Insekten wie der seltene Hirschkäfer, Spechte, Fledermäuse, Pilze, Flechten und Moose. Die Bilanz fällt diesbezüglich positiv aus. Die Schweiz hat im europäischen Vergleich den grössten Anteil an Wäldern, die älter sind als 120 Jahre, nämlich rund 23%. Und die Zahl der Giganten, Bäume, die mehr als 80 cm BHD aufweisen, hat sich seit dem LFI1 fast verdoppelt. Insgesamt hat die Strukturvielfalt in Schweizer Wald deutlich zugenommen.

Naturverjüngung dominiert, Exoten bleiben exotisch

Mit der Naturverjüngung bleiben in der Regel einheimische, an den Standort angepasste Baumpopulationen und ihr genetisches Material (Genotypen) erhalten. Das LFI3 zeigt, dass in Verjüngungsbeständen 92% des Nachwuchses aus rein natürlicher Ansamung entstanden sind. Damit hat die Naturverjüngung weiterhin stark zugenommen und die Schweiz liegt diesbezüglich an der Spitze der westeuropäischen Länder.

Auch ältere Bestände zeigen eine naturnähere Baumartenmischung, teils als Folge des Orkans "Lothar", teils bedingt durch die Bewirtschaftung. So ist der Nadelholzanteil im Gebiet der natürlichen Laubwälder weiter rückläufig. Im Mittelland hat die Fläche der standortfremden Fichtenbestände um gut 20% abgenommen. Der Anteil an gebietsfremden Arten (Exoten) ist mit 0,6% nach wie vor sehr gering. Allerdings hat sich die invasive Robinie weiter vermehrt und wird zum Problem, weil sie auf seltenen Spezialstandorten heimische Arten verdrängt. Sie dominiert heute auf 0,1% der Waldfläche.

In der Gesamtbilanz von Artenvielfalt, Naturnähe und Strukturvielfalt hat die ökologische Qualität der Waldbestände erheblich und jene der Waldränder geringfügig zugenommen.

Viel Totholz dank "Lothar"

Totes Holz ist die Lebensgrundlage für viele typische Waldarten wie holzabbauende Pilze, Flechten, Moose und viele Tiere, besonders Insekten und Vögel. Seit Mitte der 1990er-Jahre hat die Totholzmenge innert elf Jahren um 80% zugenommen. Gemäss LFI3 beträgt der Totholzvorrat 18,5 m3/ha, wovon unter Abzug von Gipfelbrüchen etwa 8,0 m3/ha auf stehendes Totholz (Dürrständer) entfallen.

Wenn man die teils schon zersetzten toten Bäume ohne erkennbare Baumart miteinbezieht, resultiert ein Totholzvolumen von 21,5 m3/ha. Daneben finden sich noch Holzerntereste, liegende Bäume unter der LFI-Kluppschwelle von 12 cm sowie Astmaterial. Unter Berücksichtigung des gesamten Totholzes ab 7 cm Durchmesser ergibt sich eine Totholzmenge von 32,8 m3/ha.

Europäische Studien belegen je nach Organismengruppe Sollwerte von 10 bis 60 m3/ha. Obschon der Durchschnittswert für die Schweiz in diesem Bereich liegt und zu den höchsten in Europa zählt, sind die regionalen Unterschiede doch beträchtlich (Abb. 6). Wichtig für die Erhaltung der Artenvielfalt sind nicht nur regionale Mittelwerte, sondern auch die Verteilung des Totholzes. Dieses dürfte sich zu einem erheblichen Teil auf Schadenflächen des Orkans "Lothar" konzentrieren und in gewissen Gebieten (z. B. Neuenburger Jurawälder) fast fehlen.

Naturschutz hat oft Vorrang

Wälder werden unter Schutz gestellt, damit natürliche Prozesse ungestört ablaufen können oder um Lebensräume von bedrohten Arten zu erhalten. Im Jahr 2007 standen 3,2% der Schweizer Waldfläche als Waldreservate unter vertraglich geregeltem Schutz. Gemäss LFI3-Umfrage bei den Revierförstern haben insgesamt 13% der Waldfläche eine Naturschutzfunktion und auf 7% hat der Naturschutz Vorrang bezüglich Schutz und Waldpflege.

Neben diesen geplanten Naturschutzwäldern gibt es zudem Waldgebiete, die meist aus ökonomischen Überlegungen nicht (mehr) genutzt werden. Gemäss LFI3 wurden rund 18% der zugänglichen Waldfläche ohne Gebüschwald letztmals vor über 50 Jahren genutzt. Beim LFI1, zwei Jahrzehnte zuvor, lag dieser Anteil noch bei 13%. Am häufigsten sind ungenutzte Wälder auf der Alpensüdseite und im Wallis (Abb. 7).

Positiver Lagebericht zur Biodiversität im Wald

Die Ergebnisse des LFI3 finden auch Eingang in das Biodiversitätsmonitoring Schweiz (BDM). Dabei stellt das BDM in seinem Lagebericht vom Mai 2009 dem Schweizer Wald ein überwiegend gutes Zeugnis aus. Die Entwicklungen wirken sich besonders günstig auf die Vielfalt schattentoleranter oder totholzbewohnender Organismen wie Pilze, Flechten, Moose und Schnecken aus. Der Schweizer Wald entwickelt sich damit in die Richtung, die das Waldprogramm Schweiz 2004 –2015 (WAP-CH) und andere Programme zur Erhaltung und Förderung der Biodiversität vorgeben.

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