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Dokumentinformationen
Autor(en): Matthias Bürgi, Martin Stuber
Originalartikel: Bürgi, M.; Stuber, M., 2003: Ein Blick zurück in die Geschichte der Waldnutzung. Hüeterbueb und Heitisträhl. - Wald Holz 84, 8: 52-55.
Online-Version: Stand: 20.07.2005
Redaktion: WSL, CH
Verfügbare Sprachen: Druckansicht  deutsch

Hüeterbueb und Heitisträhl - Ein Blick zurück in die Geschichte der Waldnutzung

Von Ziege und Grossvieh jahrelang abgefressene Buchen 1914 (Sonvico, Kanton Tessin, H. Burger)
Bildarchiv WSL

Abb. 1 - "Geissen- oder Weidbuchli": von Ziege und Grossvieh jahrelang abgefressene Buchen 1914 (Sonvico, Kanton Tessin, H. Burger)
Bildarchiv WSL

Gegenwärtig wird an diversen runden und eckigen Tischen darüber diskutiert, wie der zukünftige Wald und eine zukunftsfähige Waldwirtschaft in der Schweiz aussehen könnten. Die Vielfalt der modernen Ansprüche an den Wald macht es dabei oftmals schwer, vor lauter Holzketten, Waldgipfeln, Wurzelkindern und Spechtbäumen den Wald noch zu sehen. Die Wald- und Forstgeschichte kann zu dieser Diskussion viel beitragen, indem sie die historische Entwicklung der Multifunktionalität der Wälder aufzeigt.

Die Analyse der Geschichte erlaubt, die Ansprüche an den Wald in kurzlebige Modeerscheinungen und grundsätzliche gesellschaftliche Bedürfnisse einzuteilen: Konstante Ansprüche an den Wald sind beispielsweise die Nachfrage nach Holz und die Schutzfunktion. Grundsätzlich verändert hat sich hingegen die Bedeutung des Waldes für die Bevölkerung.

Früher war der Wald ein wichtiger Teil des bäuerlichen Wirtschaftsraumes. Weite Bevölkerungskreise sammelten im Wald neben Lesholz auch Beeren, Pilze und Nüsse – sei es für die eigene Ernährung oder auch für den Verkauf. Gewerbetreibende, wie Köhler, Gerber, Pechsieder und Harzer lebten von und mit dem Wald. Viele ihrer Nachkommen erleben den Wald heute allenfalls beim Velofahren oder sie durcheilen ihn joggenderweise. Der Wald hat nach wie vor eine grosse Bedeutung für die Bevölkerung, jedoch immer weniger im Rahmen der täglichen Ernährung oder des Arbeitsalltags, sondern für die Erholung und Freizeitgestaltung.

Wo Kuh und Geiss sich Gutnacht sagen

Die Beweidung der Wälder war bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts in der ganzen Schweiz die Regel. Vielerorts beruhte der wirtschaftliche Wert der Wälder sogar mehr auf der Weide als auf der Holznutzung. Dies galt ganz besonders für die Schweinemast im Wald (Acherum). Sie war lange Zeit praktisch die ausschliessliche Fütterungsform der Schweine. Das Acherum verlor jedoch im Zuge der Agrarmodernisierung rasch seine Bedeutung, und schon im frühen 19. Jahrhundert gab es kaum mehr Schweine im Wald.

Länger dauerte es hingegen, bis die Bauern die Waldweide von Kühen, Ziegen und Schafen aufgaben. Im Mittelland mussten die zahlreicher gewordenen Landlosen mit ihren Schafen und Ziegen von der aufgehobenen Brache und den aufgeteilten Allmenden in den Wald ausweichen.

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Waldweide im Jura sowie im ganzen Alpengebiet verbreitet. Im Jura herrschte die Waldweide in hoch gelegenen Tälern und vor allem auf den Hochplateaus in Form der bestockten Weiden (Wytweiden) vor. Im Gegensatz dazu fanden sich in den Alpen eher so genannte Weidewälder.

Die Waldweide ist durch die Wytweiden im Jura, vereinzelte Nachtweiden von alpwirtschaftlichen Betrieben und durch Diskussionen um eine gezielte und kontrollierte Wiedereinführung aus Naturschutzgründen nicht ganz aus dem Gedächtnis der interessierten Öffentlichkeit verschwunden. Ganz anders ist dies bei der nächsten agrarischen Waldnutzungsweise, der Streunutzung.

Wer rechnete, rechte recht!

Frauen kratzen Nadel- und Unkrautstreue mit zusammen

Abb. 2 - Saaser Frauen kratzen Nadel- und Unkrautstreue mit Adlerrechen zusammen (um 1975, Werner Imseng, Marienhof, Saas-Fee aus: Ruppen, P.J.; Imseng, G.; Imseng, W. 1988: Saaser Chronik 1200–1988. Saas-Fee).

 
Buchenlaubernte

Abb. 3 - Laubertag in Betlis (St.Gallen): Die Buchenlaubernte wird am Abend mit Pferd und Wagen nach Hause geführt (aus: Brockmann-Jerosch, H. 1928: Schweizer Volksleben. 2 Bde. Erlenbach Zürich).

Grundsätzlich sind drei Arten von Waldstreu zu unterscheiden:

Auch in der Geschichte der Waldstreunutzung zeigt sich die sehr enge Verknüpfung von forstlicher und agrarischer Entwicklung. Durch die Einführung der Sommerstallfütterung im Zuge der Agrarmodernisierung stieg nämlich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Bedarf an Einstreumaterial beträchtlich an. Zugleich sank die lokale Getreide- bzw. Strohproduktion, was zu einer zusätzlichen Verknappung an Streumaterial führte.

Im Berggebiet war der Getreidebau bereits seit zirka 1500 rückläufig. Entsprechend setzt hier die Nachfrage nach Waldstreu früher ein. Noch 1891 war vielerorts in den Berggebieten die Waldstreu mehr Wert als das nutzbare Holz. Es rechnete sich also offensichtlich, recht zu rechen! Wie die Abbildungen 2 und 3 zeigen, war die Streunutzung auch noch im 20. Jahrhundert anzutreffen. Erst die Eisenbahn erleichterte die Einfuhr von Stroh und ermöglichte weitgehend, auf das Sammeln von Waldstreu zu verzichten.

Neben der Verwendung der Waldstreu als Einstreumaterial auf die Viehläger gab es einen weiteren wichtigen Verwendungszweck: Ärmere Leute schliefen mancherorts noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein auf Laubsäcken. Zum Stopfen der Matratzenvorläufer verwendete man Buchenlaub. Um die Säcke prall zu füllen, wurden die trockenen Blätter mehrmals mit den Füssen festgestampft, ehe sie mit grobem Zwirn zusammengenäht, über die steilen Halden hinabgerollt, bis zu den Wegen getragen und anschliessend heimgefahren wurden (Abb. 3).

Waldbauern und Waldbau

Vor- und Nachteile kombinierter land- und forstwirtschaftlicher Nutzungsformen werden international unter dem Begriff "Agroforestry" rege diskutiert. In Europa waren solche Nutzungsformen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit als Brandwaldfeldwirtschaft weit verbreitet. Aus der Brandwaldfeldwirtschaft entwickelte sich im 18. und 19. Jahrhundert der forstliche Waldfeldbau. Dabei schaltete man im schlagweisen Hochwaldbetrieb für wenige Jahre eine landwirtschaftliche Zwischenkultur ein und säte zusammen mit der letzten Fruchtsaat nach wenigen Jahren Baumsamen.

Der forstliche Waldfeldbau breitete sich in der Schweiz rasch aus, da er sowohl den Bedürfnissen der aufkommenden Forstwirtschaft als auch dem zunehmenden Landbedarf einer wachsenden Bevölkerung entgegenkam. Das forstliche Interesse bestand vor allem in der geregelten, auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Holznutzung. Diese erreichten die Forstleute zu Beginn des 19. Jahrhunderts vor allem durch den schlagweisen Hochwaldbetrieb und die Verjüngung mittels Pflanzung. Für das Setzen der jungen Bäume nach dem vollständigen Kahlschlag entfernte man in der Regel die Wurzeln der gefällten Bäume, dann bearbeitete man gleichmässig den Boden und säte bzw. pflanzte den Nachfolgebestand. Die Verpachtung der Felder diente aber auch dazu, die aufkommende Forstwirtschaft bei der Bevölkerung beliebter zu machen und den Rodungsdruck in Zeiten von Nahrungsmittelknappheit zu reduzieren.

Gegen Ende der 1850er-Jahre erkannte man, dass nicht alle Böden gleichermassen eine solche Zwischennutzung ertrugen. Im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging der forstliche Waldfeldbau zurück. Das Interesse der Bauern an den Feldern im Wald sank. Zugleich hatte die Abkehr vom Kahlschlagbetrieb und das zunehmende Propagieren der Naturverjüngung das Interesse der Forstwirtschaft an der Zwischennutzung wesentlich reduziert. Die Waldbauern verliessen den Wald, und der Waldbau hielt Einzug.

Es harzte im Wald

Harz war aufgrund seiner klebrigen, dichten Konsistenz, seiner Brennbarkeit und seinem intensiven Duft seit langer Zeit ein begehrtes Naturprodukt. Die wichtigsten Baumarten, von denen Harz gewonnen wurde, waren Föhren, Lärchen, Fichten und Arven. In einigen Gewerben war Harz ein wichtiger Rohstoff, so für Küfer beim Abdichten der Fässer, für Gerber als Teergalle für die Behandlung der Häute oder für Schuhmacher zum Vorbereiten des flachsigen Zwirns. Zuhause verwendete man harzige Kienspäne als Lichtspender. Zudem brauchte man Harz zum Anfeuern, zum Versiegeln, vermischt mit Schweinefett als Schuhcreme, zur Behandlung von Wunden an Obstbäumen oder aufgrund seiner antiseptischen Wirkung auch in der Volksmedizin. Zahlreiche Salben, Pflaster und Umschläge basierten auf Harz. Aufgesprungene Hände und Klauenverletzungen des Viehs wurden mit Harzöl behandelt, das aus Föhrenwurzelstöcken gesotten wurde.

Es ist anzunehmen, dass sich die Nachfrage nach Schmier- und Dichtungsmitteln durch die ausbreitende Industrialisierung erhöhte, bevor dann ab etwa der ersten Hälfte des 19 Jahrhunderts synthetische Produkte zur Verfügung standen.

Ein Blick nach vorn

Agrarische Waldnutzungsformen wurden bis in die jüngste Vergangenheit ausgeführt. Dennoch gingen sie mit Ausnahme der Waldweide und einiger Sammeltätigkeiten heute nahezu vollständig aus dem Gedächtnis der Menschen verloren. Im Wald jedoch sind sie langfristig präsent. Wir wissen heute nicht, welche Mengen an Biomasse durch die verschiedenen Nutzungsformen aus dem Wald entfernt wurden. Diese Frage interessiert einerseits im Zusammenhang mit der Rolle der Wälder als Kohlenstoffsenke. Andererseits ist festgestellt worden, dass die Wälder seit dem Zweiten Weltkrieg generell vorratsreicher, dunkler und nährstoffreicher geworden sind. Hängt diese Entwicklung mit der Aufgabe von Waldnutzungsformen wie Waldweide und Streunutzung zusammen?

Um diese Fragen zu beantworten, brauchen wir möglichst genaue Angaben zur zeitlichen und räumlichen Entwicklung dieser Nutzungsformen und zu ihren Auswirkungen auf die Waldökosysteme. Ein Schritt in diese Richtung unternahm die WSL 2003 mit dem Forschungsprojekt "Austragswald". 2005 beginnt ein Projekt, in dem die Waldnutzungsgeschichte der Schweiz detailliert erfasst, dokumentiert und analysiert wird. Das noch vorhandene Wissen über die verschiedenen Waldnutzungsformen soll dabei vor allem in Interviews mit Zeitzeugen dokumentiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Wer uns dabei unterstützen kann, ist herzlich gebeten, sich mit uns in Verbindung zu setzen.

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