deutsch | english | français | italiano | slovenian
Home
Home Kontakt | Impressum | Wir über uns | Registrieren | RSS-Feed | Sitemap
Themen  >  Umwelt und Landschaft  >  Wald und Raumplanung  > 
Dokumentinformationen
Autor(en): Priska Baur
Originalartikel: Baur, P. (2004): Die Landwirtschaft geht - der Wald kommt. - Montagna 4: 12-14.
Online-Version: Stand: 08.02.2005
Redaktion: WSL, CH
Verfügbare Sprachen: Druckansicht  deutsch italiano
Zurück

Die Landwirtschaft geht - der Wald kommt

Der Wald rückt vor
Abb. 1 - Wo die Landwirtschaftsflächen nicht mehr bewirtschaftet werden, breitet sich der Wald aus.
Foto: G. Rutherford (WSL)

Weltweit nimmt die Waldfläche ab, vor allem wegen grosser Rodungen in den Tropen. In der Schweiz ist das anders: Hier hat der Wald in den vergangenen 150 Jahren um 30 bis 50 Prozent zugenommen. Warum breitet sich der Wald aus? Ist die Waldausdehnung gut oder schlecht?

Knapp ein Drittel der Schweiz ist bewaldet. Ohne den Einfluss des Menschen wäre dieser Anteil gemäss dem Schweizerischen Landesforstinventar über 70 Prozent. Unsere Vorfahren rodeten die Wälder, um Flächen für Ackerbau und Viehwirtschaft zu gewinnen, und schufen im Verlauf der Jahrhunderte dadurch eine vielfältige Kulturlandschaft. Selbst steilste und unwirtliche Lagen wurden urbar gemacht, um Nahrungsmittel für die wachsende Bevölkerung zu gewinnen, so wie dies in vielen Entwicklungsländern heute noch geschieht.

Weltweit geht der Wald deshalb zurück. Nicht so in der Schweiz: Hier hat er in den vergangenen 150 Jahren um 30 bis 50 Prozent zugenommen (vgl. Abb. 2). Auch zur heutigen Entwicklung liegen unterschiedliche Zahlen vor: Gemäss dem Landesforstinventar hat die Waldfläche zwischen 1983/85 und 1993/95 um 47'612 Hektaren (476 km2) zugenommen. Die Arealstatistik weist zwischen 1979/85 und 1992/95 eine Zunahme um 18'385 Hektaren (183 km2) aus.

Klar ist: Die Waldausdehnung fand praktisch ausschliesslich im Berggebiet statt. Viele Fragen bleiben offen: Liegt der Höhepunkt der natürlichen Wiederbewaldung vor oder hinter uns? In welchem Ausmass wird sie in Zukunft weitergehen? Mit welchen Folgen ist sie verbunden? Stellt die Waldzunahme ein Problem dar? Und schliesslich: Was sind eigentlich die Ursachen dieses Phänomens?

Waldausdehnung
Abb. 2 - Zunahme der Waldfläche in der Schweiz in den letzten 150 Jahren.
Symbole: Verschiedene Datenreihen. Quelle: Urs Brändli (WSL)

Waldausdehnung bewegt die Politik

Auf den ersten Blick erscheinen die Hintergründe einfach: Wald kommt dort auf, wo die landwirtschaftliche Bewirtschaftung aufgegeben wird, weil sie nicht mehr rentabel ist (vgl. Abb. 1, 3). Im Vormarsch ist der Wald also auf den so genannten Grenzertragslagen. Die Aufgabe der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung erregte bereits früher die Gemüter und löste wissenschaftliche Studien und politische Vorstösse aus. Damals stand allerdings weniger die Waldzunahme zur Debatte als diejenige des Brachlandes. Die Agrarpolitik reagierte 1979 mit der Einführung von Bewirtschaftungsbeiträgen. Damit sollte die Vergandung verhindert und die Landwirtschaft in Lagen mit erschwerten Produktionsbedingungen gefördert werden.

Grosse Bedeutung für die Brachlandthematik hat die Reform der Agrarpolitik von Anfang der 1990er-Jahre. Der massive Ausbau von flächengebundenen Direktzahlungen hat den Anreiz, Grenzertragslagen zu bewirtschaften, deutlich erhöht. So streiten sich heute da und dort Landwirte um Pachtflächen, die für die Produktion wenig attraktiv sind. Förster beobachten mancherorts einen zunehmenden Druck der Landwirtschaft auf den Wald.

Nutzungsaufgabe in Wald und Landwirtschaft
Abb. 3 - Nutzungsaufgabe in Wald und Landwirtschaft: hellgrün = gering;
mittelgrün = mittel; dunkles Grün = stark.
Quelle: Wildnis und Kulturlandschaft, © Pro Natura

Wie effizient sind Massnahmen?

Kommt der Wald trotzdem unverdrossen zurück? Wirken die finanziellen Anreize zur Aufrechterhaltung der Bewirtschaftung nicht? Eine solche Schlussfolgerung wäre voreilig, da die neue Agrarpolitik erst seit Mitte der 1990er-Jahre wirksam ist, die jüngsten Statistiken zur Waldausdehnung aber die Zeit zwischen ca. Mitte der 1980er- bis Mitte der 1990er-Jahre erfassen.

Eine Politik, die eine nachhaltige Landnutzung fördern will, muss verstehen, wie Entscheidungen zur Nutzung von Land getroffen werden. Aus einer oberflächlichen Betrachtung und Ursachenanalyse werden oftmals verkürzte Schlussfolgerungen gezogen. Ein Beispiel dafür ist etwa die Vermutung, dass die Erhaltung möglichst vieler kleiner und tendenziell im Nebenerwerb geführter Landwirtschaftsbetriebe die Bewirtschaftungsaufgabe bzw. Waldausdehnung verhindert. Auch die gegensätzliche Position wird vertreten; dass ein Agrarstrukturwandel in Richtung grosse und schlagkräftige Haupterwerbsbetriebe notwendig sei, um dies zu erreichen. Allerdings lässt sich ein direkter Zusammenhang zwischen Agrarstruktur(-wandel) und Aufgabe der Bewirtschaftung weder theoretisch eindeutig begründen noch mittels Daten belegen.

Wie und warum breitet sich der Wald aus?

Mit Fragen der natürlichen Wiederbewaldung befasst sich die Eidgenössische Forschungsanstalt WSL im Forschungsprojekt WaSAlp (Waldausdehnung im Schweizer Alpenraum). Dessen zentrale Forschungsfragen lauten:

Das Projekt wird von einem interdisziplinären Team aus zwei unterschiedlichen Perspektiven bearbeitet:

Ziel des Projektes ist es zudem, die Bevölkerung in den untersuchten Gemeinden einzubeziehen. Eine Journalistin begleitet dazu das Projekt WaSAlp und sorgt dafür, dass sich nicht nur Forschende, sondern auch weitere interessierte und betroffene Personen mit der natürlichen Wiederbewaldung befassen.

Waldausdehnung
Abb. 4 - Waldausdehnung zwischen 1985 und 1997. Quelle: WSL

Weniger Waldausdehnung als erwartet

Auf der Suche nach räumlichen Mustern der Wiederbewaldung wurden statistische Daten für das gesamte Schweizer Berggebiet ausgewertet. Dieses umfasst 1238 Gemeinden bzw. 68% der Fläche der Schweiz. Die Auswertung bestätigt, dass die Waldausdehnung regionale Muster aufweist (vgl. Abb. 4): In den Südalpen ist sie stärker als in den Nordalpen und im Jura, am geringsten ist sie in den Voralpen.

In einem zweiten Schritt haben die Forschenden versucht, die wesentlichen Ursachen der Waldausbreitung in einem einzigen Modell für das gesamte Berggebiet zu identifizieren und zu quantifizieren. Dabei wurde ebenfalls deutlich, dass sich der Wald erwartungsgemäss häufiger auf ertragsschwachen Standorten ausdehnt und auf solchen mit einem höheren Bewirtschaftungsaufwand. Gleichzeitig kann das Modell aber nur einen Teil der Beobachtungen erklären, d. h. dass wichtige Grössen fehlen. Insgesamt überschätzt das Modell die Häufigkeit einer Waldausdehnung. Die Bereitschaft, auch Grenzertragslagen zu bewirtschaften, scheint demnach in der Realität grösser zu sein, als es das Modell abzubilden vermag.

Im weiteren Projektverlauf analysieren die Wissenschafter die Prozesse und Ursachen der natürlichen Wiederbewaldung in ausgewählten Fallstudiengemeinden.

Download

Heugaden verschwindet im Wald
Abb. 5 - Ein "Heugaden" verschwindet im Wald.
Foto: WaSAlp (WSL)

Links

Kontakt


(erweitert)