| Dokumentinformationen | ||
| Autor(en): | Urs-Beat Brändli | |
| Originalartikel: | Brändli, U.-B. (1999): Naturschutz im Wald - Bilanz nur teilweise positiv. - Wald Holz 80, 3: 31-34. | |
| Online-Version: | Stand: 25.07.2006 | |
| Redaktion: | WSL, CH | |
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Naturschutz im Wald: Bilanz nur teilweise positiv
Ergebnisse aus dem zweiten Landesforstinventar
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| Abb. 1 - Bei der LFI-Waldrandinventur wurden auf einer Gesamtlänge von 52 Kilometern über 80 verschiedene Baum- und Straucharten erhoben, in den tiefsten Lagen durchschnittlich 15 Arten pro Taxationsstrecke (50 m). |
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Abb. 2 - Bauten
in und am Wald: Im Mitteland sind rund 11% der Wälder von Siedlungen umgeben.
Fotos: Urs-Beat Brändli (WSL) |
Mehr Laubwald im Mittelland, mehr natürliche Verjüngung, mehr Alt- und Totholz: Nicht nur die Bergwälder, sondern auch Wirtschaftswälder der Tieflagen sind naturnaher geworden. Demgegenüber sind heute viele Bestände dichter als Anfang der 1990-er Jahre, zum Nachteil von licht- und wärmeliebenden Tier- und Pflanzenarten. Neben solchen Fakten zum Lebensraum Wald lieferte das zweite Landesforstinventar (LFI2) erstmals auch Zahlen zum Zustand der Waldränder.
Die Erhaltung der biologischen Vielfalt (Biodiversität) gilt spätestens seit der Weltkonferenz von Rio de Janeiro im Jahre 1992 als eines der wichtigsten gesellschaftlichen Anliegen. Dabei kommt den Wäldern eine besondere Bedeutung zu. Mit ihrer grossen Ausdehnung, Langlebigkeit und strukturellen Vielfalt bieten die Schweizer Wälder Lebensraum für etwa 20’000 Tier- und 500 Gefässpflanzenarten. Hinzu kommen Pilze, Algen, Bakterien, Flechten und Moose.
Wie aber kann die biologische Vielfalt und deren Veränderung mit verhältnismässigem Aufwand gemessen werden? In der Praxis bedient man sich hierzu sogenannter Indikatoren, z.B. wichtiger Merkmale von Lebensräumen bestimmter Tiergruppen wie Vögel, Insekten oder Kleinsäuger. Mit seinen Resultaten liefert das zweite LFI einen wichtigen Beitrag zur Überwachung der ökologischen Nachhaltigkeit.
Naturnahe Laubwälder nehmen zu
Im Gegensatz zu anderen Ländern gibt es in der dicht besiedelten Schweiz nur noch sehr wenige, kleinflächige Urwaldreste im Alpenraum. Zwar sind 13% der zugänglichen Waldfläche seit mindestens 50 Jahren nicht mehr genutzt worden, aber Urwaldcharakter haben vermutlich nur die unzugänglichen Bestände, die gemäss LFI rund 3% der Gesamtwaldfläche ausmachen. Alle andern Wälder wurden als Teil der Kulturlandschaft über Jahrhunderte durch Holznutzung und Waldweide geprägt. Dabei haben sich in stark genutzten lichten Wäldern zusätzliche, wärmeliebende Pflanzenarten angesiedelt. Die spätere Fichtenwirtschaft in Tieflagen dagegen hatte negative Auswirkungen auf die Artenvielfalt.
Zumindest für den Zeitraum von 1985-1995 bestätigt das LFI einen positiven Trend: Im Areal der Buchenwälder hat der relativ grosse Fichtenanteil von 33 auf 32% geringfügig abgenommen. In Jungwüchsen und Dickungen der Region Mittelland verminderte sich der Nadelwaldanteil von 62 auf 50%. Ebenfalls abgenommen hat der Anteil an gepflanzter Verjüngung. Jüngere Bestände, vor allem solche in den Tieflagen, sind heute wesentlich laubholzreicher als ältere Bestände, was eine Folge des vermehrt naturnahen Waldbaus ist. Der Anteil fremdländischer Baumarten (Exoten) ist mit 0,6% des Gesamtvorrates unbedeutend, selbst wenn er stammzahlmässig von 0,5% auf 0,6% leicht zugenommen hat. Erfreulicherweise hat auch die Anzahl Gehölzarten pro Probefläche um durchschnittlich 4% zugenommen, am wenigsten im Mittelland (1%) und am meisten auf der Alpensüdseite (10%).
Zur Bestimmung der Naturnähe von Beständen im Laubwaldareal wird der aktuelle Nadelholzanteil mit jenem der potentiellen natürlichen Vegetation verglichen. Dabei zeigt sich, dass mässig bis sehr naturferne Laubwälder mit 41% der Waldfläche wesentlich häufiger sind als naturnahe Laubwälder mit 19% (Tab. 1). Weitere 39% der Fläche sind Bestände im Nadelwaldareal (Hochlagen). Sie dürfen als ziemlich naturnah bezeichnet werden, da hier die Baumartenmischung oft von den Standortsbedingungen diktiert wird. Analog zu den bereits erwähnten positiven Entwicklungen hat der Anteil der naturnahen Laubwälder gesamtschweizerisch um 0,7%, im Mittelland sogar um 3,1% zugenommen.
| Tab. 1 - Naturnähe des aktuellen Nadelholzanteils im Areal der Laubwälder. Zugängliche Waldfläche ohne Gebüschwald in %. | ||||||
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Jura (%) |
Mittelland (%) |
Voralpen (%) |
Alpen (%) |
Alpensüdseite (%) |
Schweiz (%) |
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Laubwald - sehr naturfern - naturfern - mässig naturfern - natrunah |
13,0 17,9 38,9 28,3 |
18,5 20,7 35,4 24,1 |
11,8 12,8 22,3 12,5 |
3,1 1,8 5,3 3,6 |
2,8 3,4 7,2 43,3 |
9,5 10,6 20,6 18,6 |
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Nadelwald |
1,4 |
0,2 |
38,4 |
83,0 |
40,0 |
38,6 |
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Keine Angabe |
0,5 |
1,1 |
2,2 |
3,2 |
3,3 |
2,1 |
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Total |
100 |
100 |
100 |
100 |
100 |
100 |
Totholzreiche Gebirgswälder
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| Abb. 3 - Hohe Baumstöcke sind auch in Tieflagen sinnvoll, denn holzabbauende Pilze sind auf Totholz angewiesen. |
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Abb. 4 - Die im Gebirgswald durch Wildverbiss stark belastete Vogelbeere bietet
Nahrung für über 60 Vogelarten.
Fotos: Urs-Beat Brändli (WSL) |
Wie fast jedermann weiss: Spechte benötigen dicke, alte Bäume; holzabbauende Pilze und Insekten brauchen Totholz. Baumleichen sind im Gebirgswald oft das einzige ideale Keimbeet für Baumsamen. Tatsächlich scheint in der Bevölkerung, dank den Bemühungen von Naturschutz und Forstleuten, das überholte Idealbild eines aufgeräumten Waldes mehrheitlich einem ökologischen Vorbild gewichen zu sein. "Aufgeräumte Wälder sind out", titelt Pro Natura 1998. Auch im Wald selbst sind Veränderungen erkennbar: Der Totholzanteil hat zugenommen.
Heute sind 6% der stehenden und liegenden Bäume ab 12 cm Durchmesser tot. Dies entspricht einem Vorratsanteil des Totholzes von rund 3%, mit einem Maximum von 7% in der Subalpinstufe. Vom gesamten Totholzvolumen von 14 Mio. m3 bzw. 12 m3/ha entfällt über ein Drittel auf liegende Bäume. In den Alpen ist der Totholzvorrat mit 20 m3/ha rund viermal so gross wie im Mittelland (5 m3/ha). Für Wirtschaftswälder im Mittelland fordert "Pro Natura" (SBN 1992) in ihrem Naturwaldkonzept einen stehenden Totholzvorrat von 5-10 m3/ha. 1995 war dieses Ziel mit 4 m3/ha bereits zur Hälfte erreicht.
Einen weiteren bedeutenden Totholzvorrat bilden Baumstöcke (Abb. 3) sowie Ast- und Holzhaufen - ideale Lebensräume für Kleinsäuger und einzelne Vogelarten. Insgesamt reich an Totholz in all seinen Erscheinungsformen sind grosse Gebiete des westlichen und mittleren Juras, vereinzelte Höhenzüge im Mittelland sowie grössere Teile der Voralpen, des Wallis und von Nordbünden . Mengenmässig wenig Totholz findet man dagegen in weiten Teilen des Laubwaldgürtels der Alpensüdseite.
Europarekord an Altbeständen, aber dunklere Wälder
Der Schweizer Wald ist im Durchschnitt älter geworden. Aus ökologischer Sicht ein erfreulicher Umstand: Alt- und Starkholzbestände bieten insbesondere in der Kronenschicht, aber auch auf und unter der Rinde wertvolle Lebensräume, etwa für langsamwachsende Baumflechten.
In den meisten europäischen Ländern erreicht der Anteil an über 120jährigen Beständen – Altbestände im wirtschaftlichen Sinn – kaum 5, selten 10%. Spitzenreiter sind mit je 24% Luxemburg und die Schweiz. Entsprechend gross ist auch der Starkholzanteil, d.h. der Basalflächenanteil der Bäume über 50 cm BHD, mit 23%. Das Maximum von 27% liegt in der unteren Subalpinstufe. Zum Vergleich: In europäischen Urwäldern der Bergstufe ist der Starkholzanteil doppelt bis dreimal so gross.
Wie das Bestandesalter hat auch der Starkholzanteil um 4% zugenommen, in genutzten Beständen sogar mehr als in nicht genutzten. Gleichzeitig hat auch die Bestandesdichte um durchschnittlich 5% zugenommen - ein Indikator für ein abnehmendes Licht- und Wärmeangebot im Wald. Dass deshalb gewisse Wälder auch im Interesse des Naturschutzes (wieder) bewirtschaftet werden sollen, wird allseits befürwortet.
Deponien im Wald - keine Seltenheit!
Jede Art der Nutzung von Beständen oder Waldböden, selbst der Waldstrassenbau, kann negative wie positive ökologische Effekte haben. Sehr unerwünscht sind gewisse Beeinträchtigungen von Spezialstandorten. Wenn heute Feuchtstandorte doppelt so häufig beweidet werden (23%) wie der übrige Wald, ist dies negativ zu werten. Auf den LFI-Interpretationsflächen (50 x 50 m) wurden im speziellen übermässige Beinträchtigungen registriert, ausgelöst durch:
| Erholung | 0,6% |
| andere Tätigkeiten | 0,9% |
| Deponien | 2,2% |
| alte Entwässerung | 1,7% |
| neue Entwässerung | 0,4% |
| Bauten/Anlagen (ohne Strassen) | 2,6% |
Feuchtstandorte und Standorte an Gewässern (überwiegend Bäche) sind besonders betroffen: 4% bzw. 6% weisen irgendwelche Deponien waldfremder Stoffe auf. Feuchtstandorte sind zu 8% mit alten und zu 2% mit neuen oder unterhaltenen Entwässerungsgräben "versorgt". Standorte an Gewässern und Trockstandorte sind doppelt so häufig durch Bauten wie Häuser, Reservoirs oder Leitungen beeinträchtigt wie der übrige Wald.
Erstes nationales Waldrandinventar
Mit der ersten nationalen Inventur der Waldränder bestätigt das zweite LFI bisherige Vermutungen: nur gerade 3 von 1048 untersuchten Waldrändern entsprechen den Vorstellungen des Naturschutzes von den idealen Waldmantel-, Strauchgürtel- und Krautsaumbreiten. Unter Einbezug weiterer wichtiger Waldrandaspekte wie Aufbau, Dichte, Verlauf oder Gehölzartenvielfalt wurde der ökologische Wert der Waldränder (Ökotonwert) eingeschätzt. Danach werden in den intensiv genutzten tiefsten Lagen rund 40% der Waldränder als relativ hochwertig, d.h. befriedigend bis gut, taxiert (Abb.1). Etwa 50% sind eher unbefriedigend und 10% sind eindeutig schlecht aufgebaut. Relativ hochwertige Waldränder sind besonders in der Nordschweiz überdurchschnittlich häufig.
Die ökologische Bedeutung eines Waldrandes ist unter anderem auch von seiner Umgebung abhängig. So werden rund 57% der Waldränder durch Zäune, Strassen, Wege und andere Hindernisse begrenzt (Abb. 2 und 5). Nur 11% sind von ökologisch hochwertigen Trockenrasen, Mager-, Feucht- und Riedwiesen, Gewässer oder Fels- und Schuttflächen umgeben.
Massnahmen zur Waldrandpflege sollten dort ansetzen, wo das standörtliche Potential gross und der Ökotonwert (noch) gering ist, weil dort das Aufwertungspotential am grössten ist. Im Mittelland sind rund 5% der Waldränder sowohl geringwertig als auch südexponiert. Bei einer geschätzten Waldrandlänge von 40’000 km wäre demnach eine gezielte Waldrandpflege auf mindestens 2’000 km sehr erfolgversprechend.
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Abb. 5 - Waldränder der verschiedenen Höhenstufen nach Waldbegrenzung. |
Bilanz und Ausblick
Insgesamt sind die Baumbestände zwischen 1985 und 1995 naturnaher geworden, was besonders die Förster freuen darf. Indikatoren wie "Deponien" oder "Anlagen" im Wald deuten aber auf andere Akteure und Probleme, die künftig durch Umweltpolitiker und Naturschützer verstärkt angegangen werden sollten. Das zweite LFI liefert viele, aber insgesamt noch zu wenig umfassende und detaillierte Informationen für eine Überwachung der Artenvielfalt im Wald. Hier galt es, weitere Indikatoren zu ermitteln und geeignete Erhebungsmethoden zu entwickeln. Zurzeit ist das dritte LFI im Gange. Erste Resultate sind ab 2007 zu erwarten.
Publikation
- Brassel, P.; Brändli, U.-B. (Red.) 1999: Schweizerisches Landesforstinventar. Ergebnisse der Zweitaufnahme 1993-1995. - Birmensdorf, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft. Bern, Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft. Bern, Stuttgart, Wien, Haupt. 442 S.
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Links
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Kontakt
Urs-Beat Brändli
Eidg. Forschungsanstalt WSL
Wissenschaftlicher Dienst LFI
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